image1

 

header ibrahim abdullah familie 1


Gesichter der WeltI Abeer, Ibrahim & Abdullah - Zwischen den Welten


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 02.05.2015

BACKNANG, DEUTSCHLAND

//menschen & ihre geschichte//


// Ibrahim und Abdullah sind Protagonisten im Tübinger Filmprojekt ZwischenWelten - Wie Krieg Kinder zeichnet  / Der Film, der voraussichtlich Ende Juli fertig gestellt wird, erzählt die Geschichte dreier Flüchtlingskinder und von ihren Erfahrungen vor und nach der Flucht / Die Filmemacher Nadja, Benjamin und Nicole haben uns einen Tag lang auf den Dreh nach Backnang mitgenommen / Wir hatten die Gelegenheit, zwei der Jungs kennenzulernen und dem zuzuhören, was sie zu erzählen haben //


Mutter Abeer und Sohn Abdullah

2015 - Ibrahim und Abdullah stehen auf Fußball. Zwei Jungs im Teenageralter eben. Das Alter, das ganz schön nerven kann - die Eltern haben ständig Krisen, ein Brainfuck folgt auf den nächsten und die Welt dreht sich entweder zu schnell oder zu langsam. Es ist das Alter, in dem das Leben wild ist und in dem man Perspektiven entwickelt. Und nicht vor Perspektivlosigkeit flieht. 

Eine Flüchtlingsgeschichte ist nur so lange eine Geschichte, bis man den Flüchtling dahinter kennen lernt. Ibrahim und Abdullah sind Menschen, keine Erzählung. Das, was sie erlebt haben, haben sie sich nicht selbst ausgesucht, und ihre Erinnerungen werden nicht auf Null gestellt, sobald ihr Asylantrag beschieden wird. Sie hatten ein Leben vor der Flucht, eines, das in Deutschland auf geschätzt fünf mal fünf Meter und in ein paar Zahlen und Fakten gepackt wird.

Ibrahim beim Kicken

Es ist ein heller, freundlicher Frühlingsabend, in dessen Wärme bereits eine Spur des Sommers liegt. Durch das Fenster des Zimmers, das der vierköpfigen Familie seit knapp einem halben Jahr ein kleines bisschen Ort zum Leben bietet, fällt goldenes Abendlicht und heizt den Teppich an. Abdullah kommt mit einem Tablett herein, auf dem bunte Teebecher und Kaffeegeschirr stehen. Seine Mutter Abeer - die zu der Sorte Mensch gehört, die man sofort ins Herz schließt - schenkt Mocca und karamellfarbenen Tee ein, der herrlich frisch nach Zimt schmeckt. Der Vater ist nicht da, besucht die Tage einen Onkel in einer anderen Stadt. Wir lehnen uns auf dem blauen Sofa zurück, das am Fenster eine ganze Wand einnimmt, und tun das, was man viel häufiger tun sollte: Der Geschichte der Asylbewerber zuhören, nicht nur den Geschichten über sie. 

Ibrahim, Abdullah und Mutter Abeer - seit zwei Jahren heißt es Warten

Seit knapp einundzwanzig Monaten lebt die vierköpfige Familie aus dem Libanon in der Gemeinschaftsunterkunft in Backnang. Seit fast zwei Jahren warten sie. Im Vergleich zu dem, was wir bisher von Flüchtlingsunterbringungen gesehen haben, hätte es sie schlechter treffen können. Auch die Familie sagt das. Sportstadion und Bahnhof sind nur wenige Minuten zu Fuß entfernt, um die Unterkunft herum gibt es viel Grün, die städtische Infrastruktur ist gut. Mehrmals kommt es zur Sprache, wie die Familie sich in dem Deutschland, dass sie kennengelernt hat, wohl fühlt. Keiner der drei hätte sich in seiner Zeit in Backnang als unwillkommen oder inakzeptiert empfunden, weder als Mensch noch als Flüchtling.

Ibrahim wirkt aktiv und athletisch. Nur wenn er von der Zeit im Libanon spricht, versteinert sich seine Miene. Er erzählt viel lieber von Deutschland - von seinem anstehenden Realschulabschluss, seinem Praktikum in einem Autohaus, in dem er eine Ausbildung als KfZ-Mechaniker beginnen kann. Davon, dass er die Menschen in Backnang mag und gerne hier bleiben würde. In seinem Kopf gibt es Zukunft. Alles hängt am Asylantrag. 

Abdullah ist der typische kleine Bruder, höflich und zuvorkommend, und ein bisschen zurückhaltener. Jede Antwort, die er gibt, wird mit einem schüchternen, aber breiten Lächeln begleitet. Was er später mal machen will, weiß er noch nicht. Muss er in dem Alter ja auch nicht. Später beschränkt sich ohnehin erst mal auf die Zeit des Asylverfahrens. 

Es ist schwer für mich, über diese Art von Menschen und ihren Erfahrungen zu schreiben. Zu viel Potential bei dem Thema Flüchtlinge, plakativ oder melancholisch zu werden. Die Klischeekiste, in die man greifen kann, ist ziemlich tief. 

Abdullah in der Flüchtlingsunterkunft in Backnang

Innere Konflikte, die Syrienkrise, die über die Grenzen greift, Terrorismus und Instabilität - Im Libanon hat die Familie keine Perspektive für sich gesehen, keine Zukunft. Solche Argumente klingen inzwischen gewohnt, irgendwie schon kommerziell. Vielleicht so häufig gehört, dass man vergisst, sich vor Augen zu halten, was es wirklich für das eigene Leben bedeutet, wenn man glaubt, keine Perspektive zu haben. Eine Mutter hat Angst, dass ihre Kinder abends vielleicht nicht mehr nach Hause kommen. Zwei Teenager wollen Chancen ergreifen, die es nicht gibt, solange Probleme ungelöst blieben, die sie nicht wirklich verstehen und die sie nicht lösen können. Zu sterben ist in der Regel keine Option, die man für sich selbst wählt. Für Abeer, ihren Mann und ihre Söhne wäre es, so glauben sie, eine Wahrscheinlichkeit gewesen, wären sie im Libanon geblieben. 

Während unseres Besuchs schwärmt Ibrahim ausgiebig von seinem Praktikum. Irgendwann stellen wir die obligatorische Frage, was seine größte Sorge vor der Zukunft ist. Er muss nicht lange überlegen. Innerhalb von neun Monaten hat er sich Deutsch angeeignet, aber wenn er die Ausbildungsstelle in dem Autohaus bekommt, dann muss er ja noch eine zweite Sprache lernen. Nämlich Schwäbisch. Nachdem wir ausgelacht haben, verdunkelt sich sein Blick aber. Er sei das Warten leid, meint er leise und sein Bruder bejaht. Es sei ja nicht so, dass die Familie mal eben nach Deutschland gekommen sei um sich ein schönes Leben zu machen, ohne dazu beizutragen. Er, Ibrahim, und sein Bruder hätten ab dem ersten Tag die Sprache gelernt, sie würden sich anstrengen in der Schule, Ausbildungen oder sogar das Abitur anstreben. Man spürt deutlich, wie sehr sie wollen, wie sehr die Ungewissheit inzwischen an ihnen zerrt. Resignation hängt unausgesprochen in der Luft. Auch Abeer nickt unmerklich, für einen Moment legen sich die Sorgen und die Anstrengungen des langen Wartens über den Blick der sonst so fröhlich wirkenden Frau. 

In Backnang

Das Leben der Familie ist ein Leben in den Moment hinein. Pläne? Nicht wirklich machbar. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber. Am folgenden Wochenende muss (!) die Familie in einen anderen Ort in der Nähe Backnangs in eine Wohnung umziehen. Dann gibt es wenigstens endlich ein eigenes Wohnzimmer, ein bisschen mehr Platz zum Atmen und die Aussicht darauf, dass es vielleicht, so ganz langsam, wieder einen Schritt vorwärts geht. Eigene Zimmer, ein bisschen mehr Privatsphäre, werden die zwei Jungs immer noch nicht haben.

 

//hallo du!//

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast! Hier schreiben, fotografieren und filmen Anna & Tobias für Dich/

annatobirund

Reisesüchtlinge / Län-dersammler / Schienen-bummler

Wir finden /Welten /  und /Menschen/  und schreiben darüber. Und wir teilen unsere Geschichten gerne mit anderen.Erfahre mehr .. .


//schreib uns!//

Neugierig? Oder auch ein Weltenfinder und interessiert an einem Gastbeitrag? Schick uns eine Email an:

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 


//vernetzt//

Pictogramm Facebook klein Basisrahmen Twitter klein

Basisrahmen Instagram klein

Basisrahmen Youtube klein Basisrahmen Google klein

 


//neuste//

 
 

platzhalter seitenrand

platzhalter seitenrand

 

 

//  mehr? //
ia kl  

Dich interessiert Ibrahims & Abdullahs Geschichte oder wie es mit Ihnen weiter geht? Mehr Infos zum Film-Projekt ZwischenWelten - Wie Krieg Kinder zeichnet .

Du kannst dieses großartige Projekt unterstützen! Wie, erfährst Du hier. 

Logo ZwischenWElten

 

 

// Vernetz dich mit uns! // 

Pictogramm Facebook klein     Basisrahmen Twitter klein     Basisrahmen Instagram klein     Basisrahmen Youtube klein     Basisrahmen Google klein    

 

 

2017  Weltenfinder   globbers joomla templates