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Die Menschen von Kiew   Ι  Die Ruhe nach dem Sturm


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 12.09.2016

KIEW, UKRAINE

Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns dafür entschieden haben, diesen Beitrag so zu veröffentlichen, wie ihn jetzt lesen könnt. Und es hat eine weitere Weile gedauert, bis der Text ein letztes Mal überarbeitet war. Als Reiseblogger ein politisch komplexes Thema anzugehen, zumal mit wenig Vorwissen und Zeit zur Recherche, kann schnell nach Hinten los gehen. Jenseits unseres Wissens liegen auch immer Stereotypen und Dogmen, und gerade, wenn es um politische und kulturelle Konflikte in anderen Ländern geht, ist der schmale Grad zwischen Fiktion und Realität schnell in eine Richtung überschritten.

Vor zwei Jahren erlebte Kiew tagelang kriegsähnliche Zustände. Menschen starben. Im Netz und auf Nachrichtenportalen kann man lesen, dass in der Ostukraine die Waffen bist heute nicht schweigen. Das ist eine weiche, blumige Umschreibung dafür, dass Waffen gerade mal nicht töten. Bis heute sind mehrere tausend Menschen den anhaltenden Eskalationen in der Ostukraine zum Opfer gefallen. Zwei ausgehandelte Waffenruhen scheiterten. Im westlichen Gedächtnis brannte sich unter dem Begriff "Seperatist" das Bild eines sturmgewehrschwingenden, zugedröhnten Tarnanzuges ein, der über den rauchenden Überresten eines Passagierflugzeugs steht und in nordeuropäischen Pässen blättert. Während der Westen des Landes langsam entkrampft, herrschen in der Ostukraine Gewalt, Anarchie und der Verlust der politischen Stabilität über die Menschen. Bis zum heutigen Tag.

Überresten der Straßenblockaden aus der Zeit des Euromajdans, als Mahnmal und Erinnerung aufgestellt in der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee

Galerien mit Bildern der Protestler entlang der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee, die während des Euromajdans ihr Leben verloren haben Galerien mit Bildern der Protestler entlang der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee, die während des Euromajdans ihr Leben verloren habenEntlang der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee und auf dem Majdan findet man Galerien mit Bildern der Protestler, die während des Euromajdans ihr Leben verloren haben

Mahnmal und Erinnerung an den Euromajdan in der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee Mahnmal und Erinnerung an den Euromajdan in der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee Überreste der Straßenblockaden aus der Zeit des Euromajdans in der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee  

Entlang der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee und auf dem Majdan selbst finden sich Gallerien mit Bildern der Protestler, die während des Euromajdans ihr Leben verloren haben

Das ist ukrainische Realität. Im Kern und die im Alltag der Menschen. Drumherum ist die Lage der Ukraine, vor allem in der Fremdwahrnehmung, überladen mit Fiktion und Geschichten. Es ist als Außenstehender nicht leicht zu unterscheiden, was von dem, was man über die Ukraine erfährt, wohin zu verordnen ist. Die politische und soziale Lage ist unübersichtlich, vieles von dem, was im Land passiert, angesichts des hochgespielten Konkurrenznarrativs zwischen West- und Oststaaten ein Politikum, in dem Märchen und Propaganda die öffentliche Wahrnehmung häufig davon ablenken, was in den betreffenden Staaten eigentlich wirklich vor sich geht.

Das Kiew im Juni 2016 ist nicht stehengeblieben. Eine Stadt irgendwo zwischen Expansion, Konsum und Zukunftsorientierung, so wie jede andere moderne westliche Großstadt auch. Die Khreshchatyk, die große Hauptstraße der Stadt, wird jedes Wochenende für den motorisierten Verkehr gesperrt und füllt sich mit Essensständen, Straßenmusikern, Parcours und Ständen städtischer Jugend- und Sportzentren. Studentische Gruppen verkaufen Kaffe und verteilen Merkzettel mit Informationen über Möglichkeiten für Auslandssemester und -Stipendien. Straßenkünstler und Comedians unterhalten die Vorbeigehenden mit Ausschnitten aus ihren Bühnenprogrammen. Promoter in Superhelden- und gelben Minion-Kostümen tigern mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus über den Majdan. Über den Straßen hängt Ausgelassenheit, Volksfeststimmung und der Geruch nach Zuckerwatte. Die Freizeit wird intensiv erlebt.

Entspannte Menschen nach Feierabend auf dem Majdan

Kiewer Straßenleben nach Feierabend Kiewer Straßenleben nach Feierabend Kiewer Straßenleben nach Feierabend

Volksfeststimmung auf der Khreshchatyk, die am Wochenende für den Verkehr gesperrt wird Volksfeststimmung auf der Khreshchatyk, die am Wochenende für den Verkehr gesperrt wird Auf dem Majdan in Kiew

Ein Pärchen in Kiew

Die andere Seite Kiews liegt mittendrin. Zwischen Promo-Minions, Luftballonverkäufern und Kwas schlürfenden Touristen, zwischen denen uns die militant wirkenden Männer in Tarnhosen und die hohe Dichte an Polizeipräsenz sofort auffällt. Über einhundert Menschen sind während der Euromajdan-Bewegung ums Leben gekommen. Wir sehen ihre Gesichter in den Fotogallerien entlang der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee, der Straße, die seit den Kämpfen den Namen der "Himmlischen Hundertschaft" trägt. Wir hören Geschichten über Scharfschützen und verdeckte Attentäter, die inmitten der Protestler um sich geschossen haben sollen. Wir übernachten im Hotel Ukraina, diese Kiewer Hotelgröße, von deren Vorderseite aus der Ausblick auf den Majdan in unmittelbarer Postkarten-Optik festgehalten wird und in deren Lobby während der Proteste im Frühjahr 2014 drei Tage lang die Toten aufbewahrt wurden. Auf dem Majdan Nesaleschnosti legen wir allen Kriegspathos beiseite und sehen eine moderne, aktive Stadt, die in Koexistenz mit ihren blutenden Wunden lebt.

Bilder von Getöteten als Mahnmal auf dem Majdan

Das Hotel Ukraina, eine der Hauptschauplätze des Euromajdans Das Haus der Chimären hinter verschlossenen Gittern. In vielen Teilen der Innenstadt wird die Menschenbewegung aus Sicherheitsgründen immer noch reglementiert, auch wenn die Situation sich langsam entspannt In der Innenstadt von Kiew

Hinweisschilder in der Innenstadt - Keine Schusswaffen, keine Messer, keine Sprengsätze Mahnende Totenbilder auf dem Majdan Ukrainische Flagge auf dem Majdan

Ein Aktivist auf dem Majdan. Obwohl wir die Sprache nicht verstehen, wird aus der Situation heraus klar, dass es um ein politisches Thema geht

Schülerinnen setzen ein Fotoprojekt um. Im Hintergrund sind die Totengallerien auf der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee zu sehen

Ein Junge in der Kiewer Innenstadt

An dieser Stelle könnten wir davon schreiben, was wir im Gespräch mit den Einheimischen über diese Wunden gelernt haben. Davon, wie diese Menschen die Ereignisse vor und nach dem Euromajdan einschätzen, den Umgang der aktuellen Regierung mit den Todesumständen der Opfer und der Situation in der Ostukraine. Von der Frustration über eine Aufklärung, die nie stattgefunden hat, von einem Kiew, das nach Vorne blicken will. Und das in tiefer Trauer von seinen Toten spricht, von denen bis heute nicht alle Namen tragen und ein Foto in der Heroyiv Nebesnoyi Sotni Allee stehen haben. Das wäre die politische Seite. Die, die neben den Tatsachen gewohnterweise voller Fiktion, Ideologien und Narrative ist.

Für die Lebenswelt der Menschen spielt die Fiktion der politischen Umstände letztendlich keine Rolle. Sie betreuern echte Tote. Menschen, die zuvor da gewesen sind und nie wieder zu ihren Angehörigen zurückkehren werden, seien sie nun durch Scharfschützen, pro-russische Milizen oder regierungstreue Attentäter ums Leben gekommen. Viele warten - auf Aufklärung, auf Absolution oder einfach nur auf den Zeitpunkt, zu dem Kiew - und die Ukraine - in der öffentlichen Wahrnehmung weiter im Westen nicht mehr nur mit Straßenschlachten und aggressiven Seperatisten assoziiert wird.

Ukrainerinnen in Kiew. Im Hintergrund betritt eine Gläubige die Kirche

Eine Hochzeitsgesellschaft in Kiew Junge Ukrainer am Samstagabend auf dem Majdan Ein Priester auf dem Gelände des Höhlenklosters

Eine Straßenkehrerin auf dem Majdan An einem Stand, der Kwas verkauft In der Innenstadt

Graffiti in Kiew

Ob wir mit unserem Eindruck nach nur zwei Tagen wirklich ein Stück Lebenswelt der Kiewer eingefangen haben? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist, dass der Alltag der Menschen in diesem seltsamen Zwischenraum zwischen Entspannung und skeptischer Wachsamkeit stattfindet. Die Stadt schläft mit einem offenen Auge. Und wir wissen, dass die Menschen die Opfer des Euromajdans wohl kaum so huldvoll als die "Himmlische Hunderschaft" bezeichnen würden, wenn ihr Tod nicht als Tod für die Ukraine geehrt würde. Die Menschen halten an ihrem Schicksal fest.

Das Gedicht "Himmlische Hunderschaft" erschien wenige Monate nach den Ereignissen des Euromajdans. Es ist den Müttern der Getöteten gewidmet. Wir haben uns entschlossen, die deutsche Übersetzung hier zu teilen. Für uns ist das kein politischer Akt. Unser Blog soll auch für die Welten stehen, in denen Menschen leben, und die Trauer, die im Gedicht verarbeitet wird, ist für die Menschen in Kiew ein Teil ihrer täglichen Realität. Denn nichts ist so echt und fiktionslos wie der Tod eines geliebten Menschen.


 

Himmlische Hundertschaft

Weine nicht, Mama. Heim kehr‘ ich im Frühling.
Als Vogel am Fenster zeig ich mich dir.
Ich komm’ in den Garten, ganz früh mit dem Tau,
Als Regen, vielleicht, fall’ ich vor die Tür.

Weine nicht, Mamachen. So ist mein Schicksal.
Es ging mir das Wort, Mama, leider schon aus.
In deinen Traum komm’ ich ganz leis’ einmal
Erzähle, wie es ist im neuen Zuhaus’.

Ein Engel singt mir nun Wiegenlieder,
Es schmerzt mich die tödliche Wunde nicht mehr.
Doch trostlos ist es auch hier immer wieder,
Wenn die Seele vergeht vor Liebe zu dir.

Verzeih mir, Mama, du bist jetzt alleine,
Verzeih mir, Mamachen, das schwarze Tuch.
Ich liebe dich. Und ich lieb’ die Ukraine.
Für mich war sie einzig, wie auch du.

 

Autorin: Oxana Maximischin-Korabel

Deutsche Nachdichtung: Oleksandr Mishchuk und Eva-Maria Brandstädter, März 2014  


 

- ANREISETIPP - 

Von Deutschland aus erreicht man Kiew ganz bequem auf der Schiene. Man braucht zwar ein bisschen Zeit, kann dann aber in zwei Nächten ab Prag ohne Umsteigen im Kurswagen der ukrainischen Staatsbahn (UZ) bis in die Hauptstadt der Ukraine durchfahren. Der Wagen selbst verkehrt täglich und es gibt auch noch weitere Kurswagen ab Bratislava und Budapest.

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- LINKTIPPS -

Unsere Fremdenführerin Natalyia mit ihrem deutschsprachigen Blog  auf www.reisenua.net

Tickets und eine kompetente Beratung für Fahrkarten in die Ukraine gibt es bei der Bahnagentur Schöneberg

 

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