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Ein Wochenende in der Hauptstadt der Ukraine   Ι  Kiew die Schöne, Kiew die Grüne


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 21.07.2016

KIEW, UKRAINE

Kiew. Die grünste Großstadt, die wir bisher gesehen haben. Die Stadt, über die vor zwei Jahren ein dunkler Schleier gefallen ist. Eine Stadt, so aufgeladen mit Geschichte, mit Epoche, mit Schönheit, dass ein einziges Wochenende eigentlich viel zu wenig ist, um überhaupt an ihrer Oberfläche zu kratzen. Mehr als zwei Tage hatten wir aber leider nicht. Unser Sehnsucht nach der Welt ist groß in diesem Sommer, in dem ein Praxissemester und eine Bachelorarbeit viel Raum und Zeit für sich beanspruchen. Ein Wochenende lang möchten wir alles stehen und liegen lassen und an Tobis Geburtstag ein Stückchen Welt erforschen, das bisher noch ein weißer Fleck auf unserer inneren Weltkarte ausmacht.

Kiew ist ein solcher Ort. In die Ukraine hat es uns trotz unserer vielen Reisen nach Osteuropa bisher nicht verschlagen, hauptsächlich aufgrund der politischen Unruhen, die das Land im Laufe der letzten Jahre heimgesucht haben. Im Wechsel zwischen den Jahren 2013 und 2014 war Kiew Schauplatz der Euromaidan-Protestbewegung, in deren Verlauf mindestens 100 Menschen ihr Leben verloren haben und die die endgültige Spaltung des Landes in zwei politische Lager markierte. Inzwischen hat sich die Situation in der Hauptstadt stabilisiert und wir haben uns auf den Weg in die über tausende von Jahren alte Stadt gemacht.

Erinnerungen an die Euromaidan-Protestbewegung Erinnerungen an die Euromaidan-Protestbewegung Erinnerungen an die Euromaidan-Protestbewegung

Kiew, die Schöne

An Kiews heutigen Mauern und seinen Menschen haben sich fast zweitausend Jahre Geschichte abgearbeitet. Die Stadt war lange Zeit Mittelpunkt und kulturelles und politisches Zentrum der Kiever Rus, eines mittelalterlichen Großreiches, das sich bis über das heutige Russland erstreckte und auf das die kulturelle Identität vieler heutiger slavischer Volksgruppen zurück geht. Die Kiever Rus florierte Jahrhunderte lang und erlebte ihre stärkste Blütezeit im elften Jahrhundert, verlor danach jedoch schnell an territorialer und politischer Stabilität und nach und nach an Autonomie. Im späten Mittelalter unterlag das Gebiet der heutigen Ukraine polnischer Herrschaft, später sowjetischer. 1991 erhielt die Ukraine zum ersten Mal seit Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit, kämpft seitdem aber anhaltend mit wirtschaftlichen und politischen Problemen. Heute beherbergt Kiew inklusive seiner Randbezirke fast vier Millionen Menschen, Nachfahren indogermanischer, slawischer und osmanischer Völker, das Stadtbild geformt von Barock, Eklektizismus und Stalinismus.

Die Altstadt Kiews kommt einem - ähnlich wie das schon in Havanna festgestellt haben - stellenweise wie eine Miniaturlandschaft mitteleuropäischer Architekturgeschichte vor. Eine barocke Fassade reiht sich an die nächste, der Großteil davon säuberlich restauriert zugunsten von Detailverliebtheit anstatt neumoderner Funktionalität. Eklektizistische Gebäude in knalligem Rot und Geld leuchten, als hätte jemand sie mit Bonbonpapier verkleidet. Stuck und Jugendstil imponieren von den Fassaden herunter, keine Balkonbrüstung kommt ohne aufwendige Verzierungen, Schnörkel und Ornamente aus. In Kontrast zu der bis an Kitsch grenzenden Üppigkeit dieser Gebäude drängen sich hier und dort Stalinismus und Elemente sowjetischen Realismuses in den Vordergrund, etwa in dem monumentalen Säulengang vor dem Gebäude des ukrainischen Außenministeriums.

Doch nicht nur die Architektur, auch die Dichte an Wahrzeichen und Sehenswürdigkeiten in der Stadt ist überladend. Kiew hat so viele einzelne Gebäude und Denkmäler mit einer Geschichte, die erzählt werden will, dass man sich tagelang darin verlieren könnte, nur durch die Straßen zu wandern und allein im Vorbeigehen Fassaden und Figuren zu bestaunen. Zählt man die unzähligen Museen der Stadt mit, haben zwei Tage gereicht, um gerade mal einen Bruchteil der Dinge zu sehen und zu erfahren, die es zu sehen und zu erfahren gibt.

Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit - Blick vom Hotel Ukraine Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit

Kiew von oben - mittig unten ist die Mutter-Heimat-Statue zu erkennen

Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit

Church of the Saviour at Berestove Blick auf die Stadt, im Vordergrund der Uhrenturm des Haus der Gewerkschaften der Ukraine Denkmal des Unbekannten Soldaten im Kiewer Park des ewigen Ruhmes

Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit 

Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit

Das von 1952 bis 1957 erbaute Gebäude des Kiewer Stadtrates auf dem Chreschtschatyk Das von 1936 bis 1938 im Sozialistischen Klassizismus erbaute Gebäude des ukrainischen Außenministeriums Das 1939 fertiggestellte Parlamentsgebäude, hier tagt der Werchowna Rada, der oberste Rat der Ukraine 

In Kiews Straßen 

Um die relevantesten Sehenswürdigkeiten ganz touristengerecht bewerkstelligen zu können, holen wir uns Hilfe von Fremdenführerin Nataliya. Nataliya ist eine herzliche, aufgeschlossene Person, die uns mit einem warmen Händedruck in der Lobby des Hotels Ukraina empfängt und uns trotz der Hitze, die Kiew an diesem Wochenende fest im Griff hat, zielstrebig durch die Stadt führt. Wir tauchen ein in die Kiewer U-Bahn, eines der U-Bahn-Netzwerk mit weltweit den tiefsten U-Bahn-Stationen (bis zu 105 Metern), ähnlich wie in Moskau eine Aneinanderreihung kleiner Paläste aus schwarzem, weißen und roséfarbenen Marmor mit kupfernen und vergoldeten Lüftungsabdeckungen, floralen Fresken und Verzierungen. Übrigens - der Preis für die Benutzung der U-Bahn wird pauschal pro Fahrt verrechnet und liegt bei vier UAH pro Person (umgerechnet etwa fünfzehn Cent).

Wir passieren den Majdan Nesaleschnosti, den Hauptplatz der Stadt und Hauptschauplatz der Euromaidan, auf dem rote Grabkerzen und Gallerien mit Bildern der Verstorbenen die Erinnerung an die Ereignisse aufrechterhält (Bericht dazu folgt in Kürze). Unsere Wanderung durch die Stadt führt zum Goldenen Tor, ein historisch gehaltener Neubau des Stadttores, der die Überreste der ehemaligen Stadtmauer ummantelt, zum Haus der Chimären, der Wohnsitz der letzten Präsidenten, und zur Villa Liebermann, eine Jugendstil-Villa, die heute den Nationalen Schriftstellerverband der Ukraine beherbergt. Wir werfen einen Blick auf das Hotel Saljut in der Nähe des Kiewer Höhlenklosters, das als ein Wahrzeichen des modernen Kiews gelten soll. Seine runde, ovale Form soll an ein Raumschiff erinnern, weckt in mir aber unwillkürlich Assoziationen mit einem Pilz.

Wir besuchen das Gelände des Höhlenklösters, des Heiliges Mariä-Himmelfahrt-Klosters, eines der ältesten russisch-orthodoxen Klöster der Kiever Rus und bekanntesten Wahrzeichen der religiösen Hauptstadt der Ukraine. Seit Anfang der 1990er steht das Gelände mit seinem künstlich erschaffenen, unterirdischen Höhlensystem von insgesamt 700 Metern Länge in der Liste der UNESCO Weltkulturerbes. Die Höhlen selbst haben wir nicht zuletzt aus Zeitgründen ausgelassen - und zugegebenermaßen aufgrund der geltenden Kleiderordnung, die weiblichen Besuchern neben dem verschmerzbaren Kopftuch einen knöchellangen Rock auferlegen will, selbst wenn diese bereits lange Hosen tragen. Wir bleiben oberirdisch und erkunden den charismatisch auf dem Hang thronenden Glockenturm, die Mariä-Entschlafens-Kathedrale und die kleine Dreifaltigkeitstorkirche, in deren muffigem Inneren phantastische Tiermotive davon erzählen, wie sich mittelalterliche Künstler die exotischen Tiergattungen und fremden Welten des Morgenlandes vorstellten. (Kleiner Tipp für euren Besuch: Achtet auf die Abbildung des Elefanten direkt über dem Treppenabsatz am Eingang der Kirche).

Eines der Highlights unserer Tour ist der Besuch der Heimat-Mutter-Statue, der über einhundert Meter hohen, monumentalen Stahlfigur unweit des Höhlenklosters. Eingebettet in eine Gedenkstätte, die ein ganzes Arsenal an Plätzen und Denkmalgruppen einnimmt und unter anderem auch das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg beherbergt, thront die Statue mit matriarchalischer Autorität über dem Hang, stemmt die neun Tonnen, die allein das Schwert wiegt, dem Tal unter ihr entgegen. Sechzig Meter hohe Erinnerung an sowjetische Schlachterfolge während des Zweiten Weltkrieges, irgendwie beeindruckend, irgendwie auch ein bisschen erschlagend. Wer schwindelfrei ist oder wenigstens einen starken Magen hat, der kann über Treppen und Schächte auf eine schmale Aussichtsplattform hinter dem Schild der Statue gelangen (den Bericht gibt es hier); Voraussetzung ist eine Anmeldung vierundzwanzig Stunden im Voraus und dass sich der Stahlriese nicht zu sehr aufgehitzt hat.

Einer der Eingänge zum Höhlenkloster Die wiedererbaute Uspenski-Kathedrale auf dem Territorium des Höhlenklosters Ein anderer Eingang zum Höhlenkloster

Die wiedererbaute Uspenski-Kathedrale auf dem Territorium des Höhlenklosters

Im Inneren der wiedererbauten Uspenski-Kathedrale auf dem Territorium des Höhlenklosters

Im Inneren einer Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters Im Inneren einer Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters Im Inneren der wiedererbauten Uspenski-Kathedrale auf dem Territorium des Höhlenklosters

Ein orthodoxer Geistlicher auf dem Territorium des Höhlenklosters

Blick vom Glockenturm des Höhlenklosters auf den Dnjapro

Die 102 Meter hohe und 500 Tonnen schwere Mutter-Heimat-Statue Die 102 Meter hohe und 500 Tonnen schwere Mutter-Heimat-Statue Die 102 Meter hohe und 500 Tonnen schwere Mutter-Heimat-Statue

Denkmal für die Opfer des Hungersnots (Holodomor )

Ewiges Feuer (hier brennt es) am Denkmal des Unbekannten Soldaten im Kiewer Park des ewigen Ruhmes

Mädchen mit den sieben Ähren am Denkmal für die Opfer des Hungersnots (Holodomor) Blick auf den Dnjapro und eine vorbeifahrende Metro Hotel Saljut

Das von 1901 bis 1902 im Jugendstil erbaute Haus mit den Chimären

Stillleben an einem alten Haus in der Innenstadt

Die Nationalbank der Ukraine Das Haus mit Stern (Chreschtschatyk 25) An der Chreschtschatyk-Straße 

Zu all diesen Orten gibt es etwas zu wissen, etwas, das Nataliya erzählt, von historischen Fakten bis hin zu kleinen Anekdoten aus der Lebenswelt der Stadtbewohner. Sie erzählt vom Leben der Klosterbewohner, von der Entwicklung der Stadt im Laufe der Jahrhunderte, von ihren Erlebnissen während des Euromaidans. Davon, dass Feilschen an den Ständen der Straßenhändler immer angebracht ist, warum das Ewige Feuer des Ruhms unterhalb der Mutter-Heimat-Statue nicht immer brennt (Zitat: "Putins Gas ist zu teuer...") und warum Jaroslaw der Weise von den Bewohnern der Stadt nur der "Onkel mit der Torte" genannt wird (weil die Form der Miniaturstadt, die eine Statue von ihm unweit des Goldenen Tores auf den Händen trägt, an einen Kuchen erinnert).

Abends malt die untergehende Sonne leuchtendes Orange in die Straßenzüge der Stadt. Auf den Hängen, auf die das Licht in schrägen Winkeln fällt, tanzen Insekten im Lichtschimmer. Wir sitzen unterhalb des Bogens der Völkerfreundschaft, eines sechzig Meter langen metallenen Bogens, der die ukranisch-sowjetische Freundschaft auf ihre harmonischen, verbindenden Momente herunter stilisiert und beobachten die Jugendlichen um uns herum, die in kleinen Gruppen zusammen sitzen, ausgelassen lachen und lässig an Getränken in transparenten Plastikbechern nuckeln, die in so knalligen Farben leuchten, dass das gleisende Abendlicht an sich ganz trübe wirkt.

 Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit Ukraine-Flaggen gibt es überall zu kaufen Finden sich überall in der Stadt: Die Sokkel ehemaliger Sowjet-Denkmäler

Das 1999 wiederaufgebaute St. Michaelskloster

Ein Verwaltungsgebäude Nahe des Höhlenklosters Unsere Fremdenführerin Natalyia Das Goldene Tor von Kiew

Gebäude des Geheimdienstes

Die Standseilbahn verbindet den am Wasser gelegenen Stadtteil Podil und den Michaelplatz

Die Standseilbahn verbindet den am Wasser gelegenen Stadtteil Podil und den Michaelplatz Die Bergstation der Standseilbahn am Michaelplatz Jugendstil-Gebäude im Stadtteil Podil

Hauptgebäude der Sophienkathedrale

Street Art nahe der Sophienkathedrale

Mosaikkunst im Garten der Sophienkathedrale "Der Onkel mit der Torte" Straßenkehrerin in der Stadt

Aussicht auf die Stadt vom Platz unter dem Bogen der Völkerfreundschaft

Bogen der Völkerfreundschaft

Unter dem Bogen der Völkerfreundschaft Unter dem Bogen der Völkerfreundschaft Unter dem Bogen der Völkerfreundschaft

Blick auf den Dnepr

Majdan Nesaleschnosti - Platz der Unabhängigkeit - Blick vom Hotel Ukraine

Kiew, die Grüne Die Nationale Philharmonie der Ukraine Nächtliches Kiew

Kiew, die Grüne

Kiew ist so grün wie keine andere Großstadt, die wir bisher besucht haben. Die Hälfte der Stadtfläche scheint nur aus Parks und Grünanlagen zu bestehen, auf jeden Bewohner kommen mindestens zwei Bäume. Die Luft ist ungewöhnlich klar, und das trotz der Wärme, zu dieser Jahreszeit aufgeladen mit schweren, süßlichen Blumendüften, die die ganze Stadt erfüllen. Wer die Stadt an den hohen Stellen überblickt, sieht eine Delta aus Miniaturhäuschen, weiten Grünflächen, dazwischen das breite, dunkelblaue Band des Dnepr. In Kiew kann man, was man mit unseren verwöhnten Nasen in den wenigsten Großstädten problemlos kann - Durchatmen.   


 

Unser Anreisetipp:  

Von Deutschland aus erreicht man Kiew ganz bequem auf der Schiene. Man braucht zwar ein bisschen Zeit, kann dann aber in zwei Nächten ab Prag ohne Umsteigen im Kurswagen der ukrainischen Staatsbahn (UZ) bis in die Hauptstadt der Ukraine durchfahren. Der Wagen selbst verkehrt täglich und es gibt auch noch weitere Kurswagen ab Bratislava und Budapest.

 // Bahntickets //  Hier findest du nationale & internationale Bahn-Sparpreise 


 

Unsere Linktipps:

Unsere Fremdenführerin Natalyia mit ihrem deutschsprachigen Blog auf www.reisenua.net

Tickets und Beratung für Fahrkarten in die Ukraine gibt es bei der Bahnagentur Schöneberg

 

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