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Unterwegs in Istanbul Teil I I Eine laue Sommernacht und ein Aufschrei


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 06.04.2015

ISTANBUL, TÜRKEI

Auf dem Landweg in den Kaukasus  Es gibt Fehler in der Reiseplanung, die sich erst im Nachhinein als Fehler herausstellen. Und es gibt Fehler, die man sofort als solche erkennt, noch bevor man mit beiden Füßen den Reisebus verlassen hat. Nur zwei Tage für Istanbul einzuplanen, das ist so ein Fehler. Zwei Tage in Istanbul sind für die Riesenmetropole nicht einmal ein Wimpernschlag lange. Vor dem Busfenster häufen sich die Vorboten der Millionenmetropole, als wir uns nach drei Stunden Busfahrt durch den westlichsten Teil der Türkei dem Ende des goldenen Spätnachmittags nähern. Bisher bestand die Türkei für uns aus Rostbraun, saftigen Grün und hellen Häuschen mit ausnahmelos roten Dächern. Jetzt schießen überdimensionale Hausbauten wie Pilze aus dem Boden und rotten sich zu Gruppen zusammen. Goldenes Sonnenlicht bricht sich in den Häuserschluchten, deren Dimensionen für uns als Kleinstadtkinder mächtig und befremdlich wirken. Überall ragen Baukräne wie abgeknickte Pfeile über die Dächer, Boten des enormen Baubooms, den die Türkei in jüngster Zeit zu erleben scheint. Im Hintergrund zieht das Meer eine gerade Linie in den Horizont.

Erdogan schnauzbärtiges Gesicht blickt mit ernstem Gesicht alle paar Kilometer von riesigen Transparenten auf uns herunter. Es ist Sommer, am zweiten Tage unseres Besuches in Istanbul sind Wahlen. Als wir den Busbahnhof Esenler erreichen, drückt sich der Mond bereits resolut durch das blasse Blau des Himmels. Der Bahnhof ist voll von Menschen, der Teer riecht nach Benzin und irgendwie nach Gummi. In meinem angeschläferten Zustand könnte ich mich auf die Bordkante setzen und die nächsten Stunden in das Stimmengewirr hineinlauschen, dessen Sprachen ich nicht verstehe. 

Auf dem Weg nach Istanbul Auf dem Weg nach Istanbul: Ein erster Eindruck der Millionenmetropole Ankunft am Busbahnhof

 Wir wurden liebevoll begrüßt ;)

Ankunft am Busbahnhof Im Tunnel der Tünel-Standseilbahn Die unterirdische Tünel-Standseilbahn

Das System des Nahverkehrs ist wie alles in Istanbul - unübersichtlich, chaotisch und leicht zu handhaben, hat man erst mal seine Logik durchschaut. Als wir nach einer neunzigminütigen Straßenbahnfahrt den Taksim-Platz erreichen, ist es beinahe dunkel und die Hitze hat sich auf eine angenehm sommerliche Abendwärme heruntergesenkt. Um uns herum wuselt die Stadt - wo sich keine aufgedrehten, feierwütigen Touristen in das Straßenbild drängen, liegen entspannte Einheimische aller Altersgruppen mit ihren Familien auf den leicht angedörrten Rasenflächen zum Picknick oder Kartenspielen zusammen. Junge Männer scheint es nur im Rudel zu geben. Eine Familie winkt wild und breit lächelnd in unsere Kamera. Ich kann mir denken, was wir mit unseren Backpack-Rucksäcken, nach vier Tagen auf Schienen, mit lahmen Füßen und mitteleuropäischer Bleichhaut für einen Eindruck machen... 

Historische Straßenbahn am Taksim-Platz

Menschengewirr Nahe dem Taksim-PlatzHistorische Straßenbahn am Taksim-Platz Es wird gebacken

Die jüngere Landesgeschichte hat dem Taksim-Platz einen leicht fahlen Beigeschmack aufgebürdet, den ich auch als Kurzzeittourist nicht ignorieren kann und auch nicht will, vor allem nicht angesichts der Wahlplakate an jeder zweiten Straßenlaterne und des prunkvollen Denkmals der Republik in der Mitte des Platzes. Die Menschen verströmen an diesem Freitagabend allerdings eine so gelöste Stimmung, dass ich mir weltkritische Überlegungen anhand von Halbwissen spare und mich auf's Beobachten konzentriere - und darauf, nicht im Stehen einzuschlafen. Die überhitze Großstadtluft macht schläfrig, und mein Rucksack versucht sich seit der Fahrt mit der Straßenbahn auf die Schlüsselbeine durchzudrücken. Unsere Unterkunft Chillout Hostel in der Nähe der weniger bekannten Istiklal-Allee hat sich gut vor uns versteckt, wir laufen uns die Füße auf dem staubigen Asphalt breit, bis wir den Eingang in einem Netz aus verwinkelten Gassen finden. Im obersten Stockwerk wartet ein lavendelfarbenes Mehrbettzimmer auf unsere Gruppe, was reines Glück ist, denn vor dem Fenster weitet sich die frühnächtliche Riesenmetropole in flimmernden Lichtern, dem Lärm von Menschen und Motoren und einem dicken Vorhang tausendfacher Gerüche bis an den Horizont aus. 

Unterwegs im nächtlichen Istanbul

Blick aus dem Hostelzimmer: Die Millionenmetropole bei Nacht Straßenimbiss in der Nacht Im Rotlichtviertel beginnt das Leben mit der Nacht

Eine Bügelstube Unterwegs im nächtlichen Istanbul Die Bosporos-Brücke bei Nacht

Wir tigern eine Weile durch die nächtlichen Straßen und lassen uns vom Strom der Fußgänger mitreißen. Die Nachbarschaft ist irgendwas aus historischer Altstadt, Touristen-Unterkunft, Nightlife und Rotlicht-Milieu. Jedes Gebäude scheint sich ohne erkennbares System in eine der Kategorien einordnen zu lassen. Blinkende Leuchtreklamen vor Wäschereien und Barbieren tauchen die Gassen in schummriges, buntes Licht, in denen es nach Seifenlauge und Grillkohle riecht. An jeder zweiten Ecke steht ein Bartischchen oder Warenstand, von dem aus Miesmuscheln mit Zitrone, heiße Maronen oder frische wie alte Simit verkauft werden. Wir entschließen uns für ein Abendessen an einer belebten Straße irgendwo unterhalb unseres Hostels. Unsere ursprüngliche Intension, uns etwas abseits des Touri-Troubels zu suchen, verliert sich nach einer Stunde Stadtbummel an den Umstand, dass drei männliche Schwaben-Mägen gefüllt werden müssen. Der Kellner liegt bereits auf der Lauer und winkt uns mit ausladenden Gesten an einen Tisch im Außenbereich, von dem aus man entspannt das Gewusel auf der Straße beobachten kann. Wir bestellen Bazlama, Adama Kebap oder Iskender Kebap, die mit gegrilltem, stark gewürztem Gemüse serviert werden. Wir puschen unseren Kreislauf mit klebrigen Dosenlimonaden und sitzen gemütlich kauend in der lauen Sommernacht, als plötzlich ein Aufschrei durch die Menschenmenge auf dem Bürgersteig geht. Sven, der mit dem Rücken zur Straße sitzt, wird beinahe von seinem Stuhl gefegt, als hinter ihm ein Motorrad samt Fahrer und Beifahrer aus der Fahrt heraus ins Trudeln kommt und auf dem Teer aufschlägt. Noch während mir vor Schreck der Bissen Brot aus dem Mund fällt, springen sofort unzählige helfende Hände zur Seite und richten Motorrad und schwankenden Fahrer sowie den ebenfalls schwankenden Beifahrer souverän auf. Wer selbst nicht an die Unfallopfer herankommt, feuert die Helfer vom Straßenrand aus lautstark und wild gestikulierend an. Die Fahrer werden mit fachmännischer Miene abgeklopft und auf Blessuren begutachtet, dann unter Beifall zurück auf das ohnehin schon ramponierte Motorrad gehievt. Der ganze Vorgang hat keine zwei Minuten gedauert. Der Fahrer winkt seinen Rettern glücklich zu, dann nimmt das Paar unter lautem Motoren-Geknatter wieder Fahrt auf und verschwindet mit eleganten Zickzack-Linien zwischen den Fußgängern. Dass der Fahrer eine Fahne hatte, die man selbst bis zu mir gerochen hat, ist im Schnellcheck wohl untergegangen...


Nächste Station: Unterwegs in Istanbul Teil 2 I Zwischen Großstadthektik und Märchenwelt

Vorherige Station:  Ein Tag in Edirne I Wo sich Hasen und Omnibusse Gute Nacht sagen


 

Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus erreicht man Istanbul sicher am besten per Flugzeug. Eisenbahnerprobte können die Stadt aber durchaus auch auf der Schiene erreichen. Empfehlenswert ist die Direktverbindung mit dem Optima-Express bis Edirne und von dort aus im Bus oder Bahnnahverkehr bis Istanbul.

Mehr Infos zum günstigen Bahnfahren findet Ihr unter bahn.weltenfinder.de


Unsere Linktipps:

Unsere Unterkunft auf www.booking.com


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