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Unterwegs in Istanbul Teil II I Zwischen Großstadthektik und Märchenpathos


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 05.04.2015

ISTANBUL, TÜRKEI

Auf dem Landweg in den Kaukasus Das heutige Istanbul - der Name setzte sich erst in den letzten hundert Jahren durch - ist eine mächtige Lady, unter derem hippen und stylischen Gewand der Neuzeit ein altes, archaisches Herz schlägt. Istanbul ist jung und alternativ, irgendwie in, irgendwie auch schon wieder ein bisschen ausgelutscht. Istanbul ist uralt. Es hat Reiche entstehen und vergehen gesehen, hat Griechen, Römer, Osmanen und Türken durch seine Straßen gepumpt und tut dies heute mit den Massen an Touristen und den fünfzehn Millionen Einwohnern noch immer. Die Zeit presste fortwährend Menschen, Kultur und Wandel in die Straßen der Stadt, und aus dem antiken Byzantion wurde das früh-mittelalterliche Konstantinopel, seit beinahe zweitausend Jahren eine Weltstadt an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa.

Schnittstelle? Eigentlich mag ich das Wort nicht. Aber es fällt schwer, Istanbul im Nachhinein zu beschreiben, ohne sich ständig an irgendwelche Schnittstellen zu erinnern. Im Text eines Islamwissenschaftlers habe ich vor kurzem gelesen, dass sich in Istanbul nicht - wie in Reiseberichten häufig beschrieben - der Konflikt zwischen Tradition und Moderne auf den Straßen zeigt, sondern vielmehr die ambivalenten Konflikte der Neuzeit selbst abspielen. Tatsache bleibt, dass die Menschen um uns herum ein Sammelsurium an Ideen und Alternativen aller Strömungen und aller Reichtumsschichten sind. Istanbul weiß, wie schwer Aufbau und wie leicht Zerstörung ist, und dass Kirchen, Moscheen und Synagogen eine friedliche Nachbarschaft bilden können. Die Frauen leben zwischen Burka und Rückenfrei, die Einwohner verorten sich irgendwo zwischen Konservatismus und Minirock. Dazwischen bilden die Touristen ihren eigenen bunten Haufen von Menschen aus aller Herren Länder. Istanbul gibt jedem von ihnen, was er will - von Backpack-Lifestyle bis zu Pauschal-Ambiente. Alles da. Armut und Prostitution liegen im Windschatten des Touristenglamours und der Orientromantik, machen ihre Koexistenz vor allem nachts bemerkbar auf den Straßen. Style, Großstadtdreck und Scheinwelten - das macht die Straßen dieser Stadt vor allem dann authentisch, wenn die Sonne untergegangen ist. Und diese Straßen scheinen unendlich zu sein... Denn Istanbul ist heute vor allem eins - riesig. Am breitesten Punkt hat die Stadt eine Ausdehnung von bis zu hundert Kilometern. Es gibt Staaten, die sind schmaler... Innerhalb der gerade mal zwei Tage versuchen wir wenigstens eine Idee dieser für uns überdimensionalen Stadt zu bekommen. Wir kämpfen uns durch vollgestopfte Straßen und noch vollgestopftere Gassen. Istanbul, der menschliche Ameisenhaufen, schluckt uns, der Sog der Menschen treibt uns durch die Straßen. Eindrücke brechen auf uns ein wie ein Steinschlag. Die Taxifahrer hupen uns schneller von den Straßen, als wir ein- und ausatmen können. Wer keine nervigen Touristen vor der Haube hat oder aus irgendeinem anderen Grund auf sich aufmerksam machen will, der hupt, weil er eine funktionstüchtige Hupe besitzt. Trotz des rasanten Pulsschlags der Stadt schaffen die Bewohner es irgendwie, den Bogen zu spannen zwischen großstädtischer Hektik und entspannter Gelassenheit. Istanbul regt auf und beruhigt in gleichen Teilen und gibt einem ständig das Gefühl, gleichzeitig überall zu sein.

 Tobias inmitten der euphorischen Staatsbahnbeamten

Eine alte Dampflok aus Deutschland vor dem Bahnhof Eine Mini-Fähre über den Bosporos Per Fähre erreichen wir den anderen Uferteil

Morgens kämpfen wir uns durch die nicht enden wollenden Straßenzüge zum Bahnhof Sirkeci, um die Fahrkarten für den Hochgeschwindigkeitszug YHT zu kaufen, der uns in zwei Tagen nach Ankara bringen soll. Istanbul gilt als der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Türkei, die Schienenanbindung Richtung Osten ist gut, die Verkehrsdichte in der Stadt dafür enorm. Es ist August, wir schwimmen durch dickflüssige Luft, die nach heißer Großstadt, Umweltbelastung und Industriedichte stinkt. Darüberliegend streifen uns Geruchsschwaden in den tausenden Nuancen des Orients, schwach und unaufdringlich wacht der Duft von Koriander und Sandelholz über allem. Unsere Gruppe ist etwas nervös; seit Wochen wissen wir nicht, ob wir per Schiene überhaupt vom Fleck kommen werden. Vor zwei Wochen hätte die Strecke, die drei Jahre wegen Bauarbeiten nicht zugänglich war, offiziell eröffnet werden sollen, hätte sich bei der Eröffnungsfahrt nicht der Stromabnehmer in die Oberleitung verheddert. Die Konsequenz: Strecke immer noch gesperrt, wir wissen nicht, ob wir die Gewalttour von knapp vierhundert Kilometern nach Ankara mit Bus antreten müssen. Wir haben Glück - nachdem die Bahnmitarbeiter am Schalter - beide jung und irgendwie leicht hysterisch, und ohne eines Wortes Englisch mächtig zu sein - mitbekommen haben, dass einer in unserer Gruppe bei der "Deutschen Eisenbahn" arbeitet, werden wir außerhalb der Haupthalle in eine Art Büro entführt, wo uns eine Mischung aus Bahnhofsvorsteher und - nach eigenen Angaben - Chef der Speisewagengesellschaft mit Inbrunst türkische Gedichte über den Orient Express vorträgt. Als die drei anschließend den Drucker besiegt haben und unsere fünf zusammenhängenden Tickets für die Business Class in der Hand halten, fallen sie angesichts der langen Rolle Ticket vor Begeisterung fast in Ohnmacht. Es werden Fotos gemacht und überschwängliche Bussis verteilt, anschließend werden wir in  den angeheizten Vormittag entlassen. Ob der Zug morgen auch wirklich fahren wird, wissen wir immer noch nicht mit Sicherheit, aber der Enthusiasmus der Bahnmitarbeiter hat uns angesteckt. Zuversichtlich werfen wir uns wieder in die Straßenschluchten.

Im Laufe der nächsten Stunden absolvieren wir ein Mini-Programm der touristischen To-Dos; per Fähre geht es für ein paar wenige Euros über den Bosporus. Gezahlt wird vorab, der Ticketverkäufer im klapprigen Tickethäuschen vor dem Fähranleger verlangt das Doppelte dessen, was auf dem Preisschild direkt hinter ihm angeschrieben steht, und nimmt ohne ein Wort des Widerstandes den Originalpreis und ein bestimmtes Kopfschütteln von uns entgegen. Wir schippern knapp zwanzig Minuten über das dunkelgraue Wasser, der Fahrtwind wäscht uns den Großstadt-Mief aus dem Gesicht. Das Bosporus-Ufer ist ein Scherenschnitt aus unzähligen, blauspitzigen Minaretten, Verladekränen und abblätternden Fassaden in Rot-Weiß, Beige und Grau. Unsere Mitfahrer sind eine türkisch-stämmige Familie aus Bayern, die wie wir zum ersten Mal Istanbul besucht und lachend erzählt, dass sie ständig mit heruntergeklappten Kinnladen durch die endlosen Straßen läuft.

Beim Fisch-Kebab essen

Fisch-Kebab am Ufer Menschenmassen in der Innenstadt Das "Müllschlucker-Schiff"

Überall am Ufer wird geangelt

Am Ufer neben dem Fähranleger erliegt unsere Aufmerksamkeit einer blinkenden Anzeige in Rot. Der Duft von gebratenem Fisch liegt in der dicklichen Luft. Auf einem länglichen Boot in knalligem Blau werden Fischdöner direkt von einem riesigen Rost verkauft, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der Schiff-Imbiss hat guten Zulauf, Einheimische wie Touristen sitzen neben der Hafenmauer auf den Schemelchen in Kniehöhe und kauen in Ruhe vor sich hin. Nach dem Essen schlendern wir am Ufer entlang in die Richtung, in der wir die Blaue Moschee vermuten. Jede Brücke, jede Mauer, ist eingenommen von Anglern, deren Ruten wie dünne Finger in das graublaue Wasser des Bosporus hineingreifen. Überall in den Straßen in Ufernähe werden an Verkaufsständen in knalligem Rot oder von windschiefen Buden aus, die optisch keinen einladenden Eindruck vermitteln, dafür meterweit nach frischem Koriander riechen, gekochte Maiskolben, Grillgemüse, Fischmehl und Simit verkauft. Es ist Samstag, die Stimmung unter den Leuten auf der Straße ist angekratzt und erinnert an Volksfest. Wo die Buden und Kioske Schatten vor der gleisenden Sonne spenden, hebt sich das Fell dösender Straßenkatzen als rostbraune oder schwarz-weiße Flecken vom Teer ab. Die meisten der schlanken Schönheiten sind so zutraulich, dass sie sich bereitwillig streicheln lassen, zucken nur vor ruckartigen Bewegungen zurück.

Blick auf das europäische Ufer

Die Blaue Moschee Abendstimmung am Goldenen Horn Die Hagia Sophia

Die Sultan-Ahmed-Moschee, wegen ihrer Außengestaltung auch bekannt als die Blaue Moschee, liegt seit knapp vierhundert Jahren erhaben an der Stirnseite einer gefliesten Allee, die mit Grünflächen, Getränkeverkäufern und jeder Menge aufgedrehter Tagestouristen mit überdimensionalen Kameraobjektiven aufwartet, die meisten von ihnen aus den östlichsten Teilen der Welt. Die Zeiger auf der Armbanduhr wandern unbeirrt weiter, für mehr als einen kurzen Abstecher in den Innenhof der Moschee reicht uns die Zeit nicht. Die Moschee zählt zu den Hauptwerken der osmanischen Architektur. Sechs blau-geflieste Minarette tragen in knapp sechzig Metern Höhe dazu bei, den klaren Nachmittagshimmel über uns oben zu halten. Vom funkelnden Abendlicht in Szene gesetzt, ringt das Gebäude selbst mir ein ehrfurchtsvollen Kopfnicken ab, dabei habe ich es normalerweise nicht so mit sakraler Kunst. Dass wir von der Dunkelheit weiterziehen müssen, kostet mich ein kleines Wehmutströpfchen, denn die beleuchtete Moschee wäre sicher einen Blick wert gewesen. Wir lassen uns vom Strom der Fußgänger weiter treiben Richtung Hagia Sophia, die nur ein paar Meter entfernt liegt, eingerahmt von Palmen, pinker Flora und viel zu vielen Menschen, um mal eben einen näheren Blick auf das Gebäude zu werfen. Die Sonne verabschiedet sich so langsam, uns bleiben nur ein paar Stunden zum Schlafen, und wir wollen auf jeden Fall noch einen Abstecher auf die asiatische Seite Istanbuls unternehmen.

 Gemütlich mit der Fähre über den Bosporus

Am Bosporus-Ufer Zwischen Hektik und Gelassenheit Abendlicht über den Bosporus

Das Abendlicht saugen wir ein am felsigen Ufer des Goldenes Horns. Hier weiten sich der Fluss und die Enge der Stadt, saphierblaues Wasser trägt Fischer- und Ausflugsboote über den Bosporus, die hunderte von Metern entfernten Hänge der Stadt, an denen man sieht, wie Grün die Stadt eigentlich ist, verschwimmen am Horizont. Die Luft ist hier viel reiner. Unzählige Angler stehen mit uns am Ufer und halten ihre Ruten ins Wasser. Es riecht nach Salzwasser und gebratenem Fisch, entspannte Straßenkatzen liegen auf den von der Sonne angewärmten Steinen und schielen in Richtung der bunten Eimer, in denen die gefangenen Fische landen. Hier haben wir nach einem Tag in der wirbelnden Großstadt endlich die Gelegenheit, tief durchzuatmen, den Blick wandern zu lassen, uns der Stadt und der Menschen bewusst zu werden. Der Bosporus ist der tiefe Schnitt, aus dem das Land in wirbelnden, chaotischen Strömen heraus Istanbul blutet.

Ein knarzendes Dampfschiff bringt uns auf die asiatische Seite der Stadt, die ein bisschen weniger belebt von Touristen wirkt. Was aber auch der Tageszeit geschuldet sein kann. Wir essen zwischen Ufer und Baustelle in einem Restaurant mit weitwinkliger Terrasse und obligatorischem Adana Kebap und genießen den Blick auf die nächtliche Stadt, die von blinkenden Lichtern bunt an die Ufer gemalt wird. Der Abend klingt aus im Barbereich unseres Hostels mit Cay und sündhaft teurem Raki. Als ich später in unserem Zimmer liege, das ominöserweise eine leichte Schlagseite hat, nur wenige Stunden von unserer Abreise entfernt, und die Augen schließe, klebt mir die Stadt immer noch hinter der Stirn...

Abendstimmung am asiatischen Ufer

Abendstimmung am asiatischen Ufer Abendstimmung am asiatischen Ufer Sonnenuntergang über dem Bosporus

Sonnenuntergang über dem Bosporus

 


Nächste Station: Hamam-Besuch in Istanbul I Atempause im türkischen Dampf-Bad

Vorherige Station: Unterwegs in Istanbul Teil 1 I Eine laue Sommernacht und ein Aufschrei


Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus erreicht man Istanbul sicher am besten per Flugzeug. Eisenbahnerprobte können die Stadt aber durchaus auch auf der Schiene erreichen. Empfehlenswert ist die Direktverbindung mit dem Optima-Express bis Edirne und von dort aus im Bus oder Bahnnahverkehr bis Istanbul.

Mehr Infos zum günstigen Bahnfahren findet Ihr unter bahn.weltenfinder.de


Unsere Linktipps:

Unsere Unterkunft auf www.booking.com


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