image1

header edirne


Ein Tag in EdirneI Wo sich Hasen und Omnibusse Gute Nacht sagen


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 06.04.2015

EDIRNE, TÜRKEI

Auf dem Landweg in den Kaukasus  - Nach drei Tagen im Zug will mein Rücken nicht so recht. Über tausend Kilometer im Optima Express haben den Hintern breit und die Versen lauffaul gemacht. Als wir mit reichlich Verspätung aus dem Waggon auf den sauberen, pragmatischen Bahnhof von Edirne in Beton-Optik treten, kriecht sommerlich dicke Luft mit einem leichten Beigeschmack nach Diesel in unsere Lungen. Sofort tritt ein Bahnmitarbeiter auf uns zu, äußerlich nicht zu unterscheiden von unseren aufgescheuchten Mitreisenden, und schiebt uns in Richtung Eingang des Bahnhofsgebäudes. In der gespenstisch leeren Empfangshalle mit den verbarrikadierten Schaltern weist nur der stromlose Flachbildmonitor unter der pastellfarbenen Decke darauf hin, dass für eine ferne Zukunft hier wieder mehr Verkehr geplant ist. Trotz der vorhandenen Infrastruktur halten außer dem Optima Express momentan kaum Züge in Edirne.

Vor dem Bahnhofsgebäude deutet nicht viel darauf hin, dass wir uns in einer Stadt mit einer der dichtesten, ältesten Geschichten der Türkei befinden. Hinter Beton und vom Straßenstaub angegrauten Rohbauten der "Neustadt" verbergen sich siebentausend Jahre Erinnerung an römischen Hoch- und bulgarischen Übermut, an verheerende Beben und gefräßige Brände. Heute ist die Anzahl der Bewohner der Stadt, die im 20. JH für einen Wimpernschlag lang zu Griechenland gehörte, auf fast 140.000 Menschen zusammengeschrumpft.

Ankunft mit dem Optima-Express am Bahnhof Edirne

Obstverkauf in der Neustadt Katzen im Bahnhofsviertel Transport mit genau 1 PS

In der Nähe des Bahnhofs wechseln wir Geld. Der Geruch von Benzin und verbranntem Diesel, Pferdekarren mit knorrigen Kutschern, überwachsene Brachflächen und Straßenkatzen - wir sind wieder in unserem so lieb gewonnenen Osten unterwegs. Im quitschig gelben Taxi besteht Notwendigkeit zum Quetschen, wir uns zu viert auf die Rückbank, der Fahrer das Gefährt durch den - für deutsches Spießbürgertum - halsbrecherischen Vormittagsverkehr in Richtung des weit außerhalb der Stadt gelegenen Busbahnhofes. 

Der kleidet sich durch offene Wände und viel Wellblech weniger wie ein Busbahnhof als wie eine weitläufige Abflughalle. Die Stimmung der Reisenden entspricht dem diesigen Klima dieses Vormittags, junge Rucksacktouristen, die alle möglichen Länder der Welt im Gesicht tragen, dösen auf ihrem Gepäck vor sich hin. In einer Ecke der Halle zockt eine Gruppe Busfahrer in dunklen Hosen lautstark an einem Tischkicker. Während sich Tobias um die Tickets für die Weiterfahrt heute Nachmittag kümmert und sich der Rest unserer Gruppe auf die Suche nach ein paar frischen Wasserflaschen macht, stehe ich etwas ratlos vor der eingezäunten Grünfläche an einer offenen Seite der Halle. Darauf scharrt großes und kleines Federvieh - Hühner, Enten und Gänse - vor sich hin auf der Suche nach allem, was in der Nahrungskette unter ihnen steht. Ein etwas glanzloser Pfau stolziert mit angestrengt aufrechterhaltenem Stolz dazwischen umher. Abseits der Busterminals, zwischen zusammengerollten Teppichen, einem abgestellten Couchtisch, ausrangierten Motorblöcken, Gasflaschen und angerosteten Stahlfelgen, schlecken zwei drahtige Hasen an einer undefinierbaren Flüssigkeit, die aus einem Plastikbeutel läuft. Als ich näher trete, verschwinden sie durch ein Loch im Zaun zu den Hühnern und kriechen unter einen Busch. Auf dem Weg zurück zu den anderen stelle ich auf Durchzug, als ich an den Imbissständen mit dem frisch gebratenen Kebapspießen vorbeilaufe.

In der Werkstatt des Busbahnhofs treiben sich nicht nur Techniker herum

Bunt gemischte Tierwelt am Busbahnhof Tischkickerrunde der Busfahrer Unser Bus der Metro-Turizm nach Istanbul

Mit den Tickets für den Nachmittagsbus nach Istanbul in der Tasche quetschen wir uns wieder in die Gemütlichkeit eines klapprigen Bananentaxis, im Kofferraum unser Gepäck, da es im Busgelände leider nirgends eine Gepäckaufbewahrung gibt. Auf dem Weg in die Innenstadt machen wir einen kleinen Sprung in Vergangenes; der Flair der staubigen, osteuropäischen Modernität krallt sich nicht mehr ganz so fest in den Beton. Vor der imposanten Selimiye-Moschee verkaufen ältere Türken Brotkrümel und Futtermais in Plastikbechern auf Obstkörben aus Plastik für die Tauben. Der Futtermais ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die runden Tauben auf der Terrasse vor der Moschee nicht panisch auseinander stoßen, wenn jüngere Kinder quitschend in die dicke Traube aus Vögeln rennen, sondern sich nur leidlich ein paar Handbreit über die Steinfließen erheben und danach sofort wieder schwerfällig auf den Boden plumpsen.

Auf dem Vorhof des Heiligtums hängt zwischen Sommergrün und Rosensträuchern eine dickliche Sommerhitze. Ich platziere mein immer noch leicht angeschlagenes Rückgrat auf der Bank vor der Moschee und drapiere das Gepäck mit wachendem Auge um mich herum, damit der Rest der Reisegruppe das Innere des Gebäudes besichtigen kann.

Die Selimiye-Moschee aus dem sechzehnten Jahrhundert ist das Werk des namhaften Baumeister Sinans, eines jener Gebäude, mit dem die osmanische Architektur eines ihrer Glanzwerke präsentiert. Einundsiebzig Meter stechen die vier Minarette mit himmelblauer Spitze in die Luft, von außen strahlt das helle Marmor Ruhe und Kühle aus. Im diesigen Inneren spannt sich über den Gläubigen - und den glupschäugigen Touristen - der bunte Dom in Gold, Rostrot und Nachtblau. Der dunkelrote Teppich dimmt die Schritte der barfüßigen Moschee-Besucher und den sonoren Gesang des Imams, der einsetzt, als die Touristen aus der Kuppel gescheucht werden.

Tauben im Park

 Selimiye-Moschee Selimiye-Moschee Selimiye-Moschee

Selimiye-Moschee

Selimiye-Moschee Selimiye-Moschee Selimiye-Moschee

Selimiye-Moschee

Nach dem obligatorischen Moschee-Besuch lassen wir uns von unserer Intuition in eine der vielen Straßenimbisse zu Kebab und gegrilltem Gemüse mit Cay und Ayran führen. Die drahtige Bedienung freut sich sichtlich über den internationalen Besuch, schenkt uns ständig süßen, dampfenden Cay nach, während wir träge kauend die Menschen auf der Straße vor uns beobachten, die sich durch die Hitze kämpfen. Unter unseren Sohlen scheinen noch immer Schienen zu rattern, irgendwie ist noch niemand von uns so richtig in Edirne angekommen...

Die Zeiger auf der Uhr wandern in Richtung Abfahrt, einen kurzen Abstecher in die Altstadt lassen wir uns nicht nehmen. In der Fußgängerzone Saraçlar und auf dem Basar Ali Pasa Carsisi sind viele der Fassaden aus Holz, manche davon zerfallen, manche frisch renoviert in gedeckten, pragmatischen Farben. Neben Tante-Emma-Läden aller Größenordnungen, die den Duft von getrocknetem Knoblauch, Gewürzen und Teeblättern verströmen, reihen sich vollgestopfte Klempnergeschäfte, deren Räumlichkeiten kaum enger sind als die Eingangstüre, neben Barbiere, Eisenwarengeschäfte und kleine Lebensmittelgeschäfte. Die Gemüse- und Obsthändler, die im Schatten vor ihren Geschäften dösen, sind viel zu schläfrig, um enthusiastisch ihre Ware anzubieten. In den engen Gassen hängt der Geruch von Tabak und heißen Asphalt, hinter jeder Ladentüre summt eine Kühltruhe. Von der Toilettenbrille über den Schraubenschlüssel bis hin zu Nähmaterial und Ledertaschen findet man hier in der kleinen Fußgängerzone beinahe alles. Trotz der Hitze wirkt die Stadt lebendig, angekommen in der Zeit. Nur wer um ihre Geschichte weiß und genau hinguckt, kann hin und wieder eine Falte im jung gehaltenen Gesicht des Stadtbildes entdecken...

Cay, Ayran und KebabFußgängerzone Saraçlar EdirneFußgängerzone Saraçlar Edirne

Fußgängerzone Saraçlar Edirne

Fußgängerzone Saraçlar Edirne Fußgängerzone Saraçlar Edirne Fußgängerzone Saraçlar Edirne

Am späten Nachmittag, als die Mittaghitze langsam im Boden versickert, sitzen wir schon wieder. Diesmal im Bus. Istanbul erwartet uns knapp drei Stunden entfernt...

 


Nächste Station: Unterwegs in Istanbul Teil 1 I Eine laue Sommernacht und ein Aufschrei

Vorherige Station: 40 Stunden im Nachtzug I Mit dem Optima-Express in die Türkei


Unser Anreisetipp:

Von Deutschland bzw. Österreich  aus erreicht man Edirne neben vereinzelten Zug- / Bus-Umsteigeverbindungen per Schiene eigentlich nur mit dem Optima-Express. Diese verkehrt im Sommer mehrmals pro Woche ab Villach und erreicht früh morgens Edirne.

Mehr Infos zum günstigen Bahnfahren findet Ihr unter bahn.weltenfinder.de


Unsere Linktipps:

Günstige Unterkünfte in Edirne auf www.booking.com

Informationen zum Optima Express, Fahrpläne und Tickets  auf www.optimatours.de


Anzeige

weltenfinder-banner

 


  DKB kl  

Unser Tipp:                                                                                           Anzeige

Weltweit kostenlos Bargeld abheben mit der DKB-Visa Card! Haben auch wir immer im Portmonnaie ;) 

  SetWidth220-ISIC-personalised.F13  

Und mit der ISIC-Karte, dem internationalen Studentenausweis weltweit Vergünstigungen erhalten.


 

// Vernetz dich mit uns! // 

Pictogramm Facebook klein     Basisrahmen Twitter klein     Basisrahmen Instagram klein     Basisrahmen Youtube klein     Basisrahmen Google klein    
2017  Weltenfinder   globbers joomla templates