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40 Stunden im NachtzugI Mit dem Optima-Express in die Türkei


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 06.01.2015

TÜBINGEN - VILLACH, ÖSTERREICH- EDIRNE, TÜRKEI

Auf dem Landweg in den Kaukasus  - Die Luft ist staubig, der Staub kitzelt etwas in der Nase. Im ganzen Waggon riecht es nach angewärmtem Teppichboden. Ein dunkler Lockenkopf, der mir kaum bis an die Hüfte reicht, flitzt an mir vorbei, quietscht fröhlich und aufgekratzt in Erwartung der langen Zugfahrt, die ihn in das Land seiner Vorfahren bringt. Sein Optimismus wirkt ansteckend. Ich lehne mich gegen die Waggonwand, lege die Ellenbogen auf das kalte Metall des Fensterrahmens und strecke den Kopf in den österreichischen Abend. Auf dem Bahnsteig stehen bunte Haufen aus aufgeräumt wirkenden Gepäckstücken und deren weniger aufgeräumt wirkenden Besitzern herum, die im gleichen Grad entspannt aussehen, wie wir uns planlos fühlen. Die Schlange vor dem Check In in dem angelaufenen Container hat sich schon vor über einer halben Stunde aufgelöst, eigentlich sollten wir längst losgefahren sein. Vor uns liegen eintausendvierhundert km Strecke und zwei Nächte im Optima Express, auf die wir uns schon seit Wochen freuen. Die Schienen führen weit in den Osten, eine Fahrt über Slowenien, Kroatien und Serbien, dann nach Bulgarien und schließlich Richtung Türkei weiter in einen Teil auf der Weltkarte, auf dem bisher noch für keinen von uns ein Reisefähnchen steckt.

Mehr als 36 Stunden wird diese Fahrt dauern. Zwischendrin keine Möglichkeit, den Zug zu verlassen oder sich auf irgendeinem Bahnsteig die Füße ausreichend zu vertreten.

Angesichts der langen Strecke wirkt unsere fünfstündige Anreise nach Villach wie eine lockere Spazierfahrt, von der schnell erzählt ist - kurz vor acht Uhr morgens Abfahrt in Tübingen, es geht dem mit IRE nach Stuttgart, wo wir in aller Eile den zweiten Kaffee des Tages in uns hineinschütten und in den EuroCity nach Salzburg umsteigen. Es folgt eine gemütliche Fahrt mit Frühstück und dem dritten Kaffee in den angestaubten rosa Plüschsesseln der Ersten Klasse. Nach einem außerplanmäßigen Aufenthalt in München steuern wir am späten Vormittag Salzburg an, wo uns der InterCity der ÖBB mit der vierten Tasse Kaffee erwartet und uns via Giselabahn und Tauernbahn nach Österreich bringt. Die Hohe Tauern zeichnen sich charismatisch und Bergwelt-gerecht in den Fensterrahmen, das Wetter stimmt sich gut gelaunt und verwöhnt uns mit einer Sicht auf klare Gipfel vor einer hellblau pulsierenden Himmelplatte. Wir erreichen Villach, als wir gerade den letzten Schluck unseres fünften Kaffees herunterschlucken. Während der Fahrt haben wir eine ganze Plantage Kaffeebohnen leer getrunken, das Koffein in unserem Blut treibt uns im Marschschritt durch das historisch anmutende Villach, österreichische Staturstadt und zweitgrößte Stadt Kärntens.

In Villach weiß man, was einen erwartet, man kann gemütliche Stunden in den Geschäften und Cafés der Altstadt verbringen, ohne viel Neues zu entdecken oder bald in Langeweile zu versinken. Über tausend Jahre Stadtgeschichte, deren Leuchten seit mehreren Luftangriffen der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges allerdings stark gedimmt ist, und das umliegende Alpenpanorama setzen Villach in einen Rahmen, der die Stadt für Touristen durchaus attraktiv macht. Vor allem Bahnliebhaber bekommen angesichts der infrastrukturellen Bedingungen, die die Stadt bietet, feuchte Augen - Villach ist Knotenpunkt des Schienennetzwerks zwischen West und Ost, hier kreuzen sich die Südbahn aus Wien und die Tauernstrecke aus Salzburg mit den Schienensträngen, die nach Italien und Slowenien führen. Dementsprechend hat sich die Fußgängerzonen mit jugendlicher Reiseszene geschmückt, auf der Straße verteilen sich Rucksäcke mit den dazugehörigen Backpackern über die ansonsten homogene Menschenmasse aus Familienurlaubern. So reißen wir kein Loch in das Stadtbild, als wir uns mit unseren Rucksäcken und Trekking-Laufschuhen auf den Weg Richtung Güterbahnhof machen, der etwa ein Kilometer außerhalb des Stadtkerns liegt. 

 Abfahrt in Tübingen Villacher Innenstadt Auf dem Weg zum Güterbahnhof in Villach Ankunft am Autozug-Terminal im Villacher Güterbahnhof

Blick auf den Nationalpark Hohe Tauern

Als wir mit schmerzenden Schultern den überhitzen und den Geruch von Benzin verströmenden Verladeterminal erreichen - immerhin haben wir Proviant und Wasser für zwei Tage dabei - lässt sich eine blasse Mondsilhouette bereits von den Gipfeln der umliegenden, scharf in den weiten Horizont gezeichneten Bergrücken kitzeln. Es ist kurz vor acht Uhr, die Arbeiter beginnen gerade mit dem Verladen der Autos - Motorräder sehen wir heute keine - als wir uns für den Check In einreihen. Den Optima Express als historisch zu bezeichnen, ist vielleicht etwas zu weit vorausgegriffen, und dennoch fühlen wir uns schon auf dem Bahnsteig eingehüllt vom Charme unseres geschichtsträchtigen Reisegefährts. Ursprünglich konzipiert für im Westen lebende türkische Gastarbeiter, die sich durch die Zugreise die mehrtägige Autofahrt in die Heimat sparen konnten, ohne dort auf das Auto verzichten zu müssen,  und nur eine unter vielen Verbindungen auf der klassischen Route des Orientexpress, befährt der Optima Express heute als einziger die Nord-  Süd-Verbindung durchgehend - zumindest theoretisch, denn seit Jahren verschlucken Bauarbeiten den letzten Streckenabschnitt nach Istanbul, so  dass der Zug in Edirne knapp hinter der türkischen Grenze seine Passagiere in die Türkei entlässt. Der Zug an sich ist ein internationaler Mischling aus drei bulgarischen Liegewagen - Adoptivkinder aus der ehemaligen DDR - einem kroatischen Speisewagen und wechselnden Lokomotiven. Gelb-blaues Logo, rot-weiße und blau-weiße Lackierung, weckt in mir sofort irgendwie Assoziationen mit der Verpackung eines Schokoriegels... Nach dem Check In verstauen wir das Gepäck in unserem Sechser-Abteil. Zwei Betten bleiben frei, doch es scheint sich niemand Fremdes zu uns zu gesellen. Trotz fehlender Berührungsängste sind wir nicht böse drum, das Abteil bietet schon kaum Stauraum für das Gepäck unsere Reisegruppe. Laut Fahrplan sollten wir uns seit über einer halben Stunde Richtung Orient bewegen. Um der stehenden Hitze im Wageninneren zu entgehen schlendern wir über den Bahnsteig und genießen die letzte Möglichkeit für einen kurzen Auslauf vor der langen Fahrt. Immer noch wird der Zug in gemächlichem Tempo mit PKWs gefüttert, ein gelber Ferrari lässt ein kurzes Aufschnauben vernehmen, ehe er im Inneren des Güterwaggons verschwindet. Tobis - mehr oder weniger - fachmännischem Blick fällt sofort auf, dass der Waggonreihe der Kopf fehlt. Eine zierliche, knopfäugige Frauengestalt mit Klemmbrett lässt uns auf Nachfrage wissen: "Dann, wenn Maschine da, Zug geht los. "Zwanzig Minuten später tätowiert die Sonne dem Bahnsteig unsere Schatten in Überlebensgröße auf den schnöden Betonrücken. Die knallig-rote Diesellok dockt an den Optima Express an, ein Ruck geht durch den Zug, der die Reisenden aus der Schläfrigkeit wachrüttelt und Aufbruchsstimmung in die Abteile trägt. Die Fütterungszeit ist vorbei, der letzte PKW findet seinen vorgesehenen Platz im Güterwagen. Wir werden von Klemmbrett mit Knopfaugen in den Wagon gescheucht, als der Pfiff des Schaffners den Abend in Anreise und Reise zerlegt und die Räder sich langsam in Bewegung setzen. An der Kante des Abends entlang gleiten wir Richtung Osten, Seite an Seite zum Osiacher See und schneebetupften Berggipfeln, bis die Nacht alle Farben aus der Welt außerhalb des Zugfensters saugt.

Warten auf "Maschine" im Autozug-Terminal in Villach Warten auf "Maschine" im Autozug-Terminal in Villach Warten auf "Maschine" im Autozug-Terminal in Villach Warten auf "Maschine" im Autozug-Terminal in VillachWarten auf "Maschine" im Autozug-Terminal in Villach

Die nächsten eineinhalb Tage beanspruchen unser Sitzfleisch ausgiebig. Die Stimmung in den Abteilen, zunächst noch aufgekratzt und quirlig, wird zunehmend schläfriger. Das anfängliche Chaos aus herumfliegenden Gepäckstücken und unaufgeräumten Passagieren wird ordnungsgemäß in die Abteile erteilt. Am ersten Abend geht es in den Waggons lautstark zu, die Betten bleiben in den meisten Abteilen lange hochgeklappt, und aus den mitgebrachten Brotdosen verteilt sich der Duft nach Pfeffer und frisch aufgeschnittenen Tomaten in den Gängen. Unser Gepäck lässt sich mit Widerwillen in die Ecken des Abteils quetschen, gibt nur von Zeit zu Zeit ein beleidigtes Knarzen von sich. Wir bauen unseren Tisch - mehr Bügelbrett als Bierbank - zwischen den Sitzen auf und verteilen Brot, Gemüse und griechischen Feta darauf. Dazu vier Flaschen Hirter. Nicht ganz stilecht im Vergleich zu der in unseren Nachbarabteilen ausgelebten Esskultur des Fahrtzieles, aber das tut unserem Hunger nach der langen Schlepperei keinen Abbruch.

Es ist weit nach Mitternacht, als die letzte Abteiltüre in unserem Wagon das Gangleben ausschließt. Nach dem Besuch des holzvertäfelten Waschraums mit Pedal-Waschbecken und milchigen Spiegel lasse ich mich auf meine Schlafstätte fallen, das obere Bett links; sofort fordert mein Rucksack von der Gepäckablage zu meinen Füßen aus Aufmerksamkeit und kuschelt sich trotz konsequenter Tritte vehement an meine Knie. Meine Matratze ist weich, aber dünn, und sobald ich mich bewege drücken meine Gelenke durch den Stoff direkt auf das Holzbrett. Ich bin glücklich.


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Als die Morgensonne am nächsten Tag unserem Abteil seine Farben zurückgibt, breitet sich außerhalb der Fenster der östlichste Teil Kroatiens um die Schienen herum aus. Die Nacht hat uns durch den Karawankentunnel über Österreich und durch ganz Slowenien getragen und übergibt uns dem Tag an der Grenze zu Serbien. Im Speisewagen verwachsen wir mit den blauen, weichen Sitzen und lassen uns Zeit mit unserem Kahvalti, türkischem Frühstück aus Brot mit Butter und frischem Obst oder Gemüse, Weichkäse, Marmelade und Oliven. Der Kellner füllt dampfenden Çay aus einem blechernen Samowar in Teegläser. Die meisten Tische um uns herum sind von Familien belegt, wir als nicht-türkische Reisende sind eher die Ausnahme, vor allem jetzt während der Sommerfahrten aber auch keine Seltenheit.

Stoisch, erprobt, kämpft sich währenddessen die alte GM-Diesellock mit lautem Gebrüll über die Steigungen, während die Panoramen neben den Gleisen wechseln wie Holographien auf einer Leinwand. Wenn wir Kopf und Arme zu weit aus dem Fenster strecken, werden wir mit Ruß besprenkelt wie Marienkäfer. Während der nächsten Stunden schält sich die Landschaft vor den Fenstern zunehmend aus ihrer west- und dann osteuropäischen Haut und entfaltet die bekannten Facetten - Säulen aus goldenem Abendlicht über diesigen Horizonten, lange Bänder aus bestelltem Ackerland, darauf Heudiemen und bullige Zugtiere, zerbeulte Zastavas auf staubigen Straßen, Hinterhöfe, in denen Menschen aller Altersklassen dicht gedrängt auf Bierbänken sitzen und lautstark auf das Leben anstoßen. Hin und wieder löst sich ein schmales Flussbett aus der Erde, rückt dicht an die Schienen heran. Darin haben Unmengen alter Plastikflaschen und zerfressener Autoreifen ihre - vermeintlich - letzte Ruhestätte gefunden. In Serbien patrouillieren Beerensammler und ausrangierte Dampfrösser mit Rost - Make up die Strecke, hin und wieder bremsen Schaf- und Ziegenherden auf dem eingewachsenen Gleisbett den Zug aus. Osteuropäisches Schienenwerk drosselt uns auf eine schwindelerregende Durchschnittsgeschwindigkeit von 36 km/h herunter. Nachmittags zeichnet sich Novi Beograd in die Fensterrahmen mit Graffiti und Betontristesse, Plattenbauten liegen auf Vorrat an den Gleisen. Wir durchfahren die ewige Baustelle des neuen Hauptbahnhofes. Serbien besteht aus Grau und Grün, hinter Belgrad holt sich wilde Natur das Panorama zurück. Wir passieren einen von Rost zermürbten Rest Landesgeschichte, als uns einige Kilometer hinter der Hauptstadt der ehemalige Regierungszug aus der Titos-Ära einen kurzen Blick aus toten Fenstern zuwerfen kann, ehe die Aussicht von Wald geschluckt wird. Hinter Niš beginnt das Flachland, sich plötzlich anzustauen und zu felsigen Hügellandschaften aufzuhäufen. In nicht einer der vielen Ortschaften, die wir durchfahren - und egal, wie zerfallen die Bahnhofsgebäude wirken - fehlt der oder die mit Kelle winkende Bahnbeamte, rote Schildmütze obligatorisch. Wir durchfahren die charismatische, aus felsigen Hängen und diesigem Licht geformte Nisava-Schlucht - im Balkangebirge - während Tobi auf unserem Bügelbrett aus einer Dose Mais und einer Dose Erbsen etwas zusammen mischt, von dem er behauptet, es sei Salat. Während wir uns der bulgarischen Grenze nähern, löffelt er die Schale tapfer aus.

Blick auf den Osiacher See im Sonnenuntergang Blick aus dem Fenster in Serbien Blick aus dem Fenster in Serbien Blick aus dem Fenster in Serbien

Blick aus dem Fenster in Serbien

Plattenbauten in Novi Beograd Unsere Mitreisenden Verunglückter Güterwagen in Serbien Beerensammler neben den Gleisen

Titos ausrangierter Regierungszug an einem kleinen Bahnhof in Serbien

Abends hängt Schläfrigkeit und Zigarettenqualm in den Abteilen, nur die jüngeren Kinder rennen überdreht über die Gänge. Bulgarien begrüßt uns mit dem wie üblich straffen Prozedere, der obligatorisch bullige aber freundliche Zollbeamte sammelt unsere Pässe ein, was trotz unserer Interrail-Erfahrungen jedes Mal ein leicht unangenehmes Gefühl hinterlässt. Die Nacht stellt sich an, kaum dass wir den Grenzbahnhof verlassen haben. Bulgarien wird von Dunkelheit verschluckt. Wir verbummeln den Abend mit Käsesandwiches und netten Plaudereien mit unseren Tischnachbarn im Speisewagen. Mustafa aus Kaufbeuren erzählt uns von seinen ersten Fahrten mit dem Optima Express vor beinahe zwanzig Jahren, als die Anfangstage des Balkankrieges die Touristen von kroatischen und serbischen Straßen verdrängten, und schwärmt uns lange von dem Teil seiner Familie vor, der heute noch in der Türkei lebt. Mit Vorboten der Aufregung im Magen legen wir uns schlafen, morgen Vormittag werden wir endlich die Türkei erreichen, Neuland für jeden in unserer Reisegruppe. Nachts peitschen Äste gegen die Fenster, die vorbeiziehenden Bergrücken zerschneiden das silbrige Mondlicht und unser Abteil in scharfe Kanten.

Ausrangierte Dampfrösser in Serbien Blick aus dem Fenster in Serbien Blick aus dem Fenster in Serbien Die obligatorischen Bahnhofsvorsteher ;)

Blick aus dem Fenster in Serbien

Blick aus dem Fenster in Serbien Zeit für das Mittagessen Ausrangierte Dampfrösser in Serbien Bahnhofsgelände von Niš, Serbien

Bahnhofsgelände von Niš, Serbien

Blick aus dem Fenster in Niš, Serbien Blick aus dem Fenster in Serbien Fahrt durch das Balkangebirge in der Nisava-Schlucht Fahrt durch das Balkangebirge in der Nisava-Schlucht

Fahrt durch das Balkangebirge in der Nisava-Schlucht

Blick aus dem Fenster auf Serbien Blick aus dem Fenster auf Serbien Blick aus dem Fenster auf Bulgarien Unser Abteil im Optima Express

 Abendstimmung in Serbien 

Der zweite Morgen kopiert den ersten, beginnt allerdings um einiges früher. Etwas gerädert hänge ich über meinem Kahvalti, denn mein Rücken fühlt sich inzwischen so hart an wie das Brett, auf dem ich geschlafen habe. Meinen Füßen fehlt das Gefühl von festem Boden unter den Sohlen, trotz der guten Stimmung bin ich froh, dass wir den Zug in ein paar Stunden endlich verlassen können. Unweit der Gleise schicken Bulgarien - und damit die EU - ein paar letzte Grüße. Je näher wir der Türkei kommen, desto weiter greifen Sonnenblumenfelder über den Rand des flachen, diesigen Horizonts, ausladendes Gelb in voller Blüte. Gegen acht Uhr verlangsamen sich die Räder des Zuges. Wir haben den Grenzbahnhof Kapikule erreicht, ein weißer Halbmond auf roter Fahne markiert türkischen Boden.

Wir stehen für mehr als zwei Stunden. Kapikule bietet schmucklose Betonbauten, entspannt aussehende Militärs, jede Menge Warnschilder und ein einbetoniertes Tannenbäumchen, das der ganzen Szenerie tapfer einen Farbklecks Grün entgegen hält. Der Optima Express spuckt seine menschliche Fracht in Richtung Passkontrolle, vor der sich innerhalb kürzester Zeit eine lange Schlange bildet. Wir kommen den Forderungen unserer Beine nach und schlendern die Gleise auf und ab in der Hoffnung, einen Blick auf das erhaschen zu können, was hinter den langen Reihen Zaun liegt. Der Vormittag ist noch nicht vorbei, doch die Luft ist bereits aufgewärmt und fühlt sich kratzig an. Wir setzen uns an den Bahnsteig und lassen die Beine baumeln. Ein magerer Rest Hund, das Fell wie verschmierter Honig, schielt auf unsere Rucksäcke. In großen Hundeaugen spiegelt sich eine Geschichte von Streunern, Betteln und Hoffen.

Als sich die Schlange vor der Passkontrolle aufgelöst hat und stattdessen ihre menschlichen Glieder in kleinen Schwärmen in den Duty Free Shop in Kiosk-Format einige Meter weiter schickt, begeben wir uns in das Grenzgebäude. Hinter einem minuziös vergitterten Holzschalter mit handflächengroßer Durchreiche verrichtet ein Stempel in Verlängerung eines stoischen Zollbeamten seinen Dienst und verpasst jedem durchgereichten Pass einen runden, roten Knutschfleck.

Blick aus dem Fenster auf Bulgarien Der bulgarisch-türkische Grenzbahnhof Kapikule Blick aus dem Fenster auf die Türkei Ankunft in Edirne

Willkommen in der Türkei! 

Eine viertel Stunde später setzen sich die Räder des Optima Express endlich wieder in Bewegung. Wir kleben die letzten eineinhalb Stunden bis zum Endbahnhof am Fenster, das Land ist jedoch noch nicht bereits, viel Aussagekräftiges von sich Preis zu geben. Wir sehen weite, umzäunte Grünflächen, Fußballfelder, einen dunkel schimmernden Flusslauf und einige schmucklose Mehrfamilienhäuser in Entfernung zu den Gleisen. Weit in der Ferne zerrt die flimmernde Luft an einer langgestreckten dunklen Fläche, die Wald oder Hügel sein könnten. Auf einer Anhöhe hütet eine junge Frau mit Stock eine Herde Schafe. Mein Rucksack gibt leise Laute des Protestes von sich, als ich ihn von der Ablage über der Abteiltüre zerre und meine Kulturbeutel in das obere Fach stopfe. Das Rattern der Räder verstummt, durch den Zug geht ein langgezogenes Quietschen, dass sich auf die Passagiere überträgt, als große Gepäckstücke und kleine Kinder im Gang platziert werden. In die Fenster schiebt sich der Blick auf ein rot umrahmtes Gebäude, weiße Lettern auf blauem Untergrund mit "Edirne Gar" begrüßen uns an der Endstation. Bevor ich aus dem Waggon aussteige und zum ersten Mal in meinem Leben offiziell als Touristin türkischen Boden betrete, werfe ich einen letzten Blick zurück in den sich leerenden Gang unseres Waggons.

Der Optima Express bietet alles, was man sich als passionierter Interrailer von einer Zugstrecke von eintausendvierhundert km erhofft. Der Optima Express als Geheimtipp? Vielleicht, wer Zeit im Gepäck hat und auf dem Landweg seinen Weg finden und auf den ein oder anderen Blick auf osteuropäischen Boden nicht verzichten will. Unser Sitzfleisch jedenfalls ist ausgelastet, und noch haben wir Istanbul nicht erreicht. Unser Fahrterlebnisse waren insgesamt nicht exotischer als bei unsere bisherigen Nachtzugfahrten auch - abgesehen vielleicht von der Fahrtdauer - dennoch würden wir - und werden vielleicht - jederzeit wieder ein Ticket für die Anreise nach Edirne kaufen. 


Nächste Station: Ein Tag in Edirne I Wo sich Hasen und Omnibusse Gute Nacht sagen


 

Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus erreicht man Villach per Schiene im Zweistundentakt. Meist ist ein Umstieg in Salzburg erforderlich, es gibt aber auch einige Direktverbindungen per EuroCity aus dem Ruhrgebiet über Süddeutschland und München bis Villach. 

Mehr Infos zum günstigen Bahnfahren findet Ihr unter bahn.weltenfinder.de


Unsere Linktipps:

Günstige Unterkünfte in Villach auf www.booking.com

Informationen zum Optima Express, Fahrpläne und Tickets  auf www.optimatours.de

 


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