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Die Georgische Heerstraße im KaukasusI Durch zweitausend Jahre Völkergeschichte


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 22.10.2015

TBILISI - GUDAURI - STEPANZMINDA, GEORGIEN

Auf dem Landweg in den Kaukasus -Das größte Problem bei einer Autoreise mit Startpunkt Tbilisi - die Stadt will den Ortsunkundigen einfach nicht gehen lassen. Zwei Stunden lang irren wir morgens mit dem Auto durch ein Gewirr aus Straßen, Menschen und Verkehr und geben alle Bemühungen, irgendwo einen Hinweis auf die richtige Richtung auszumachen, nach wenigen Minuten auf. Ortsschilder gibt es in der Hauptstadt Georgiens nicht. Wir stranden zwischen Fabrikhallen und Vorgärten irgendwo hinter einem Industriegebiet und sehen so ratlos aus, dass wir sofort von einer Georgierin angesprochen werden. Mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Denglish schafft sie es, uns den Weg zu einer Ausfahrt zu erklären, hinter der uns ein türkisgrünes Schild eine „Happy Journey“ wünscht. Unsere Reise über die Sakartwelos samchedro gsa, über den Jahrtausende alten Karawanenweg beginnt.

Die Straße - Teil der Europastraße 117 - führt von Tiflis aus über den ehemaligen sowjetischen Touristenmagneten Passanauri in den Ferienort Gudauri und von dort aus nach Stepanzminda, von wo aus es nur noch knapp zehn Kilometer bis zur russischen Grenze sind. Theoretisch könnten man die hundertfünzig Kilometer in knapp zwei Stunden abfahren. Wären da nicht der Straßenzustand - zumindest hinter Gudauri -, die vielen Kurven, die Höhen und Tiefen des Passes und die Welt außerhalb des Wagens, die genug Fremdartiges und Faszinierendes bietet, an dem das Auge ständig hängen bleiben kann. Wer die georgische Heerstraße befährt, reist auf einer der primären Verbindungen zwischen Asien und Eurasien durch zweitausend Jahre Völkergeschichte – wenn auch heute nur noch in Teilen sichtbar. Nach dem Anschluss Georgiens an Russland um 1783 und dem Beginn des fünften russischen Türkenkrieges wurde die Straße durch die russische Armee befestigt und in Grusinische Heerstraße umbenannt. Heute schmiegt sich die Straße zunächst solide ausgebaut an den steinigen Flusslauf des Aragvis, in dem um diese Jahreszeit nur wenig des kristallklaren Wassers glitzert. Neben der Straße, hauptsächlich an Rastplätzen, bieten Händler regionaltypische Strick- und Keramikwaren, Trinkhörner und touristengerechten Nippes zu touristengerechten Preisen wie Kühlschrankmagneten mit grellleuchtenden Georgien-Motiven an. Sehnige, gefleckte Kühe, häufig in ganzen Herden, machen den Autofahrern die Straße strittig. Etwa vierzig Kilometer hinter Tiflis staut sich der Fluss im silbrig-blauen Becken des Schinwali-Stausees auf. An dessen Nord-West-Ende wacht seit dem dreizehnten Jahrhundert die Festung Ananuri über das Panorama. Erhalten ist heute nur noch die Oberburg mit der Erlöser- und der Himmelfahrtskirche, der Rest wurde vom See verschluckt. Interessierte können das Gelände frei zugänglich erkunden, die verblassten Fresken im Inneren der Himmelfahrtskirche bewundern oder die von georgischer Urwüchsigkeit überwucherten Anlagereste erkunden.

„Happy Journey“ - In der Hauptstadt Tbilisi beginnt die Reise über die Georgische Heerstraße Dieses chinesische, rechtsgelenkte Allrad-Vehikel wird uns über die Heerstraße bringen Eine absolute Seltenheit in Georgien: Ortsschilder

Der Aragwi-Staudamm bei Zhinvali

Der Aragwi-Stausee

Die Straße muss an vielen Stellen mit Vierbeinern geteilt werden ;-) Am Aragwi-Staudamm Verlassene Vehikel am Wegesrand

Die Festung Ananuri am Aragwi-Stausee

Der Aragwi-Flusslauf

Transporter lassen sich vom Flusslauf nicht abschrecken Sonnenpause am Aragwi-Stausee bei AnanuriHängebrücke über den Aragwi-Fluss

Hängebrücke über den Aragwi-Fluss - wir haben uns sogar ein paar Schritte auf die Brücke gewagt ;-)

Hängebrücke über den Aragwi-Fluss

Vorsicht Vierbeiner! Auf der Heerstraße Und schon wieder ;-)  

Wir folgen der Straße in nördlicher Richtung durch kleinere Ortschaften, besiedelt von dunkelhaarigen Menschen und geländeerprobten Ladas, und passieren dreißig Kilometer weiter nördlich Passanauri. Während der Sowjet-Ära als Kurort von russischen Touristen vielfach bereist – nicht zuletzt wegen der Mineralquellen und seiner friedvollen Lage zwischen zwei sanften Bergrücken – haben Zeit und Entvölkerung dem Ort zugesetzt. Heute ist Passanauri ein Dorf, das an Touristen auf der Durchreise jenseits der Fensterscheibe vorbei zieht. Unweit Passanauris häufen sich die bewaldeten Bergrücken auf, werden langsam kahler. Der Kaukasus gibt einen ersten Blick frei auf seine so häufig romantisch angepriesene, wilde Exotik. Die Straßenhändler werden weniger. Anzeichen menschlicher Existenz gibt es hauptsächlich in Form staubiger Laster, die sich unter großem Gekreische die Steilstellen der Straße hinauf quälen, und von mit glubschäugigen Touristen gefüllten Sammeltaxen. Die Täler werden tiefer und schroffer, werfen lange Schatten auf die samtgünen und grauen Hänge.


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Wir überwinden beinahe eintausend Höhenmeter bis Gudauri. Hier platzen plötzlich ein paar Quadratkilometer Kommerz in das ansonsten einheitliche Bild unberührter Natur-Wildheit; seit den 1970ern - und vor allem in den letzten zehn Jahren - wächst in dem Ferienort mal gemütlich, mal hektisch ein Ski- und Sportressort mit Ferienhäusern und inzwischen über zehn Hotels vor sich hin. Jetzt, im Hochsommer gähnen die meisten der dunklen Fensterhöhlen der karamellfarbenen Bauten vor sich hin. Durch die Bauweise der Häuser fühle ich mich für einen Moment in den Grindelwald versetzt. Nur in die unbelebte, verwaiste Version. Wir erreichen den Dschwaripass auf knapp zweitausenddreihundert Metern Höhe. Zeit sich die Beine zu vertreten. Auf einer Anhöhe, jenseits der Steilkante einer mehrere hundert Meter tiefen Schlucht, thront in beinahe antiker Manier das Denkmal der Russo-Grusinischen Völkerfreundschaft aus dem neunzehnten Jahrhundert. Bravbürgerlich parken wir unseren Wagen in ordentlicher Reihe unterhalb des Hügels. Einige Einheimische und russische Touristen sehen das nicht so drastisch - mehr als ein bunter Lada klappert den Hügel hinauf an uns vorbei und wird direkt im Denkmal abgestellt. Der obligatorische Souvenirverkäufer hat sein Kofferradio aufgedreht und animiert zwei russische Touristen unter lautem Klatschen zum Kauf. Trotz der Höhe, die wir inzwischen erreicht haben, ist es überraschend schwül. Die Sonne heizt den Boden auf und krallt sich unangenehm heiß in den Nacken. Ich flüchte in den Schatten des Denkmals. Die Farben der bunten Fresken, die Motive der innigen Brüderlichkeit zwischen Georgien und der Sowjetunion darstellen sollen, haben bereits einiges an Leuchtkraft verloren, nichts jedoch von ihrer Euphorie - Über uns im Rondell kreisen uns springende Hirsche, archaische Kämpfer hoch zu Rosse, weniger archaische Soldaten in minzgrünen Uniformen und reinweiße Tauben im strahlenden Glanz des brüderlichen Friedens ein. Mutter Russland verströmt trotz der sich lösenden Kacheln warme Souveränität. Wilde Hunde - aus Fleisch und Blut - in allen Formen und Farben liegen wie verstreut auf dem Boden herum, dösen im Schatten vor sich hin und interessieren sich nicht ansatzweise für die neugierigen Touristen, von denen ihnen einige vermeintlich mitfühlend auf die Flanken klopfen.

Der Große Kaukasus liegt vor unsSerpentinen lassen uns dem Dschwaripass immer näher kommenWir erreichen Gudauri (2196 Meter)

Der Große Kaukasus

Denkmal der Russo-Grusinischen Völkerfreundschaft

Denkmal der Russo-Grusinischen Völkerfreundschaft Ruinen am Dschwaripass Denkmal der Russo-Grusinischen Völkerfreundschaft

Ein Blick vom Balkon des Denkmals herunter ist ein Blick in die grau-grüne Tiefe. Die Luft riecht würzig und unberührt. Es gibt zu viel hier, was man wissen könnte, zu viel, was die zerklüfteten Hänge und grünen Schluchten einem einzelnen Menschen erzählen könnten. Unweit hinter Gudauri zeigt sich die Landschaft kaum noch bereit, den Menschen ohne ein paar Beulen vorankommen zu lassen. Wer Georgiens abgeschminkten, rauen Charakter kennenlernen will, sollte sich einen Allrad-Wagen unter den Sohlen zulegen und Wellengang aushalten. Der Weg führt durch Naturschönheiten und Verarmung, vorbei an Überresten einer georgisch-russischen Freundschaft, die heute keine mehr ist, vorbei an einer sichtbaren Einsamkeit, die eigentlich gar nicht so einsam ist. Das meiste, was sich auf dem Streckenabschnitt zwischen Gudauri und Stepanzminda an Wohnraum und Siedlung findet, hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Poststation angefangen.Wanderwege und Pilgerpfade sind ausreichend vorhanden. Die kleinen Ortschaften versprühen eine Idee Backpacker-Romantik; alle paar Meter versuchen hölzerne Schilder autofahrende Touristen auf Gehöfte umzulenken, von denen aus Reittouren unternommen werden können. Bei der Vorstellung, auf dem Rücken eines Pferdes die Freiheit der Berge hier zu erkunden, komme selbst ich als bekennendes Gegenklischee zum typischen Mädchen ins Schwärmen.

Die letzte Etappe vor unserem Blick auf Russland führt zwischen bunten Hühnerscharen und schiefen Steinhäuschen durch das Örtchen Stepanzminda hinein in einen goldenen Nachmittag. Auf der unterspülten Piste, die wir nur deswegen als Straße bezeichnen, weil wir wissen, dass es eine Straße sein soll, segeln wir unter wellenartigem Auf-und-Ab den Wald hinauf. Während ich aus Angst vor Seekrankheit unseren geländeerprobten und mit deutscher Achtsamkeit gelenkten Allrad-Wagen verlasse, überholt uns einheimischer Pragmatismus in Form eines zerbeulten Ladas, der nach wenigen Augenblicken hinter der nächsten Biegung verschwindet. Schließlich angekommen auf zweitausendzweihundert Metern Höhe sind wir uns einig, dass wir die drei Kilometer Anstieg zu Fuß hätten bewerkstelligen sollen. Bis wir dem Anblick der im frühen Abendlicht angestrahlten Gergetier Dreifaltigkeitskirche erliegen. Kontrastiert durch den zerklüfteten Kamm des schneebedeckten Qasbegis, durch die Tiefe der Farben, die Weite der Berge und der unverfälschten Wildheit des Kaukasus liegt die im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert gegründete Kuppelkirche mit witterungsgezeichnetem Glockenturm wie das Zentrum eines unberührten Kosmos vor uns. Touristisch eingerahmt wird das Panorama durch Zelt- und Reitgruppen mit jugendhafter Wander- und Trekkingszene, die wie bunte Murmeln über die grünen Hänge verteilt liegen.

Feldarbeit in Stepanzminda (früher Kazbegi)

In Stepanzminda (früher Kazbegi) In Stepanzminda Gebratene Zucchini in Stepanzminda

Der Berg Schan (4451 m)

In Stepanzminda Unser Allrad-Auto kommt an seine Grenzen, es geht immer weiter Bergauf Ankunft auf 2170 Metern. Im Hintergrund die Kuppelkirche Zminda Sameba

Zminda Sameba (2170 Meter)

Kuppelkirche Zminda Sameba (2170 Meter) Der beeindruckende Berg Kasbek (5047 Meter) Der Berg Schan (4451 Meter)

Begleitet vom frühen Abend legen wir die letzten zehn Kilometer bis zur russischen Grenze zurück. Unweit der Straße, die sich längst in eine Schotterpiste verwandelt hat, ringt sich die Landschaft mit den letzten Überresten der Sowjet-Zeit ab. Die LKWs vor uns ziehen einen langen Schweif aus Staub hinter sich her. Die Häuser, die Menschen, selbst das magere Vieh wirken streckenweise irgendwie an den Rand des neuzeitlichen Georgiens gekehrt, das wir in Tbilisi kennengelernt haben. Der Kontrast zwischen der archaischen Gewalt der Berge, die uns zu allen Seiten einkesseln, und dem geschäftlichen Voranquälens des Verkehrs auf der Straße lässt die Atmosphäre surrealistisch und verzerrt wirken. Der Sog des Kaukasus zieht uns mit, zerrt einen Teil von uns in das gewaltige Gemälde aus tiefem Grün und steilen Grau der Berge und wird ihn bei sich behalten, auch wenn wir längst nach Hause gekehrt sein werden. Ich weiß jetzt schon, dass ich die drei Wochen unserer Reise auch nur damit hätte verbringen können, den Kaukasus und die Heerstraße zu erkunden.

Rechts hinter den Felsen liegt die georgisch-russische Grenze

Auf der Heerstraße Riskante Brückenkonstruktion LKW-Fahrer pausieren am Lagerfeuer kurz vor der georgisch-russischen Grenze 

Vier Tage nach unserem Besuch - wir werden zu diesem Zeitpunkt in Aserbaidschan sein - wird der Terek durch starke Regenfälle in den Bergen anschwillen und das Tal überfluten. Ein großer Teil der Straße, die wir jetzt befahren, wird unterspült und weggerissen werden. Es wird leider Tote geben.


 

Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus können Eisenbahnerprobte Georgien durchaus per Schiene und an einigen Abschnitten mit dem Bus erreichen - man sollte allerdings sehr viel Zeit mitbringen. Empfehlenswert ist die Direktverbindung mit dem Optima-Express bis Edirne und von dort aus im Bus oder Bahnnahverkehr bis Istanbul, weiter im Expresszug bis Erzurum und von dort aus per Bus in Richtung Georgien. Einfacher und deutlich schneller kommt man allerdings mit dem Flugzeug bis Tbilisi. Dort empfiehlt sich ein Mietwagen für die Heerstraße. Wer die Heerstraße ohne Mietwagen erleben will, kann von Tblisi aus Touren oder ein Taxi buchen.

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Unsere Linktipps:

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