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Die Villa Cavrois in CroixI Moderne in Form einer Villa


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 29.07.2015

CROIX,  FRANKREICH

NPDC 2015 I Industrielles Erbe mit Überraschungen  - Es gibt Orte, da verdichten sich Epochen in Architektur zu erfahrbarer Geschichte. Die Villa Cavrois im nordfranzösischen Croix (direkt neben Roubaix) ist einer davon. Ein Jahrzehnt Stilgeschichte sind in der Atmosphäre des Hauses konserviert, seit Juli 2015 für die Öffentlichkeit fühlbar, erlebbar.

Unsere Erlebnisse klingen wie der Auszug aus einer enthusiastisch geschriebenen Info-Broschüre. Und wer vor der imposanten, verpackungsfrischen Villa steht, die sich so nüchtern und zurückhaltend und doch so stattlich mit einer guten Portion Selbstbewusstsein auf der frisch renovierten Fassade in die Straße setzt, der fühlt sich angesichts der Kosten und der Akribie, die die Restaurierung der Anlage gefordert hat, etwas eingeschüchtert.

Man kann der Villa mit beidem begegnen - Nüchternheit und Schwärmerei, letztendlich wird man das Gelände nicht verlassen, ohne sich vom Haus nicht mindestens eine Geschichte über das Leben einer großindustriellen Familie aus den 1930ern erzählt haben zu lassen.

Im Garten der Villa Cavrois

Die Villa Cavrois in Croix Die Villa Cavrois in Croix Die Villa Cavrois in Croix

1932 von den Textil-Industriellen Paul und Lucie Cavrois in Auftrag gegeben, erschuf Architekt Robert Mallet-Stevens innerhalb von drei Jahren konzentrierte, homogene Moderne in Form einer Villa, die perfektionistisch durchdachten Lebensraum für die Eltern mit ihren sieben Kindern und dem Hauspersonal bot. Seinerzeit rief das nicht nur Bewunderer auf den Plan. Das Haus war eine architektonische Revolution, die provozierte. Die Pläne des Architekten galten als avantgardistisch, Teile der Nachbarschaft fühlten sich durch die akkurate, auf Symmetrie und klare Linien konzentrierte Fassade gestört. Doch auch die Epoche meinte es nicht gut mit dem Gebäude. Während des zweiten Weltkrieges musste die Familie aus der Stadt fliehen, deutsche Soldaten besetzten das Haus und wüteten auf dem Gelände. Die Gartenanlage wurde zerstört, Teile der Architektur eingerissen und abgeschliffen. Als die Familie Anfang der 1950er zurückkehrte, musste zur Instandsetzung der Villa ein weiterer Architekt beauftragt werden.

Nach dem Tod der Cavrois Mitte der 1980er fraßen sich Zeit und Plündereien durch das verwaiste Haus. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhundert war die ehemalige Familienresidenz tot, ein verrosteter, gebrochener Rest ehemaliger Villenromantik, deren Schicksal absehbar zu sein schien. Bis die Regierung das Gelände 2001 aufkaufte und dem Potential des Gebäudes den Status als Monument Nationaux zugestand - und die Zukunft der Villa somit dem Tourismus verschrieb.


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Mehr als zehn Jahre und knapp zwanzig Millionen Euro kostete es, bis das ausgehöhlte Gebäude seine eigene Reinkarnation erlebte. Die Restaurierung und Renovierung wurden mit dem gleichen Grad an Präzision durchgeführt wie die architektonische Konzeption durch Mallet-Stevens an sich - originale Baupläne existierten nicht mehr, man behalf sich mit Fotografien und Zeitdokumenten, um die Raumstruktur zu rekonstruieren, nutzte Verzeichnisse, um versteigertes Mobiliar wieder zu beschaffen und ursprünglich verwendetes Baumaterial nachzuvollziehen. Akribischer Perfektionismus und viel Zeit gaben dem Gebäude zurück, was letztere ihm genommen hatte. Heute findet sich auf dem Gelände der Villa eine Art architektonisches Blue Print ihrer selbst, die seit Juli diesen Jahres von der Öffentlichkeit besichtigt werden kann.

Die aufwendig gestaltete Türe zum Empfangszimmer der Villa Cavrois

Kaum zu glauben, noch vor wenigen Jahren sah das Gebäude noch so aus Die Villa Cavrois in Croix Kaum zu glauben, noch vor wenigen Jahren sah das Gebäude noch so aus

Es ist heiß, beinahe schwül, der Juni macht sich bemerkbar. Wir drehen eine Runde in der Gartenanlage, bevor wir das Gebäude betreten. Scharfe Augen achten darauf, dass wir auch ja nicht auf den saftig grünen Rasen treten. Von den ehemaligen zweiunddreißigtausend Quadratmetern Gelände sind heute noch neunzehntausend übrig. Auch der Garten wurde in den geometrischen Grundgedanken eingeformt, ein schmaler Kiesweg führt um das Bassin vorbei, das an einen Schlossgarten aus dem achtzehnten Jahrhundert erinnert. Von hier lässt sich ein ruhiger Blick über das Gelände werfen, das ideale Postkarten-Motiv. Die in frischem Stolz leuchtende Fassade der Villa liegt mit einer Länge von fast sechzig Metern an der Stirnseite des Gartens, lässt den letzten Feinschliff durch die Arbeiter, die noch über das Gelände springen, geduldig über sich ergehen. Die Außenseite des Gebäudes kleidet sich in ockerfarbene Klinkersteine, in sich überlagernde Flächen, in intensionalisierte Symmetrie.

Wir betreten die Villa über die Zufahrt durch den breiten Haupteingang und bekommen sofort Überzieher für unsere Schuhe in die Hand gedrückt. Ein leicht chemischer Geruch hängt im Gang, der weicht, als unsere Führerin die schweren Türen zum Empfangssaal öffnet. Warmes Licht fällt durch die verglasten Terrassentüren. Innen spiegelt das Haus ein lang zurück liegendes Jahrzehnt in die Gegenwart, eine vergangene Philosophie für familiäres Zusammenleben und ein stiltypisches Verständnis für Luxus. Keine Ecke des Hauses, kein Bauelement, die nicht intensionalisiert wirken. Moderne in kompromissloser, architektonischer Reinheit - definitiv beeindruckend, und definitiv nicht für jeden geeignet.

Unsere Führerin schwebt mit uns durch die Räume, schwärmt vom Haus und seinen klaren Linien als Hommage an die Cinématografie und bekommt einen feurigen Blick, wann immer die Finger der Besucher an den Türrahmen oder Gegenständen landen. Die Struktur des Hauses wird organisiert von Funktionsbereichen - Bereiche für die Eltern, Bereiche für die Kinder, für den Empfang von Gästen, für die Arbeit, Spiel, Erholung und Sport. In den Räumen schwarzer, gelber, grüner und weißer Marmor, Aluminium und Opalglas, Mobiliar und Wandverkleidungen aus Mahagoni und Birnbaum und von Hand abgeschliffenes Fischgrätenparkett, indirektes Licht und zeitgemäß modernste Technik wie Telefone, kabelloses Radio und Lautsprecher in jedem Zimmer. 

Das Empfangszimmer mit großen Panoramafenstern auf den Garten der Villa Cavrois

Das Zigarrenzimmer - untergebracht im Turm des Hauses Kaminecke im Empfangszimmer Durchgang vom Empfangs- zum Esszimmer

Das repräsentative Esszimmer mit Marmorausstattung und eingelassenem Spiegel

Das Esszimmer der Kinder Badarmaturen  Stimmiges Design: Selbst die Lampen passen sich dem Erscheinungsbild der Villa an

Das Konzept: Luxus durch Pragmatismus, Qualität und Ökonomie, die keinen Platz für Kitsch und unnötigen Zierrat lassen.  

Luft, Licht und Komfort, meint unsere Führerin, das sei die Seele des Hauses. Man müsse sich ihr öffnen, sie fühlen.

Wir können sie fühlen. Jede Ecke des Hauses scheint aufgeladen zu sein mit Erinnerungen an eine Familie, an ein Leben in einem weit zurückliegenden Jahrzehnt. Man muss nur dem zuhören, was das Haus über die vergangene Lebenswelt erzählt. Doch um wirkliche Schlichtheit zu vermitteln, ist die Villa zu voluminös. Das Haus kommt leicht daher, dennoch empfinde ich die kompromisslose Akkuratheit als bedrückend. Anders als Tobias, dem eigentlichen Nostalgiker von uns beiden. Dessen Augen leuchten spätestens beim Anblick des wabenförmigen Raucherzimmers mit dunkler Holzverkleidung so enthusiastisch, dass ich für einen Moment froh bin, kein millionenschweres Vermögen und ein Grundstück im Besitz zu haben, auf das eine kubistische Villa passen würde.

Film: Le Centre des Monuments Nationaux


Nächste Station: Lille I Ein nächtlicher Spaziergang durch die Hauptstadt Flanderns

Vorherige Station:  Das Musée de la Piscine in Roubaix I Kunst aus Licht, Kultur und Zeitgeschichte


 

Unser Anreisetipp:  

Von Mittel- & Nordeutschland aus erreicht man Lille und Roubaix am besten mit dem Hochgeschwindigkeitszug Thalys ab Köln oder dem ICE International ab Frankfurt am Main. Von Brüssel aus empfiehlt sich der TGV, der Lille Europe nach gerade einmal 34 Minuten Fahrzeit erreicht. Ab Süddeutschland besteht auch die Möglichkeit Lille per TGV mit Umstieg in Paris zu erreichen. Die Villa selbst ist per Straßenbahn von Lille aus erreichbar. Haltestelle: Villa Cavrois. 

 // Bahntickets //  Hier findest du nationale & internationale Bahn-Sparpreise 


Unsere Linktipps:

Günstige Unterkünfte in Lille auf booking.com

Günstige Unterkünfte in Roubaix auf  booking.com

Informationen zur Villa auf villa-cavrois.fr

Bilder und Skizzen der Villa auf villacavrois.blogspot.fr

Die Villa auf rendezvousenfrance.com

Die Region Nord-Pas de Calais auf  nordfrankreich-tourismus.com

 


Vielen Dank an Atout France , die uns zu dieser Reise nach Nord-Pas de Calais eingeladen haben.

 

 

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