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Unterwegs im Plavi voz   Ι  Von Bar nach Belgrad in Titos Salonschlafwagen


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 25.10.2015

BAR, MONTENEGRO - BEOGRAD, SERBIEN 

In grellem Weiß leuchtet das Bahnhofsgebäude von Bar in der Abendsonne und verleiht seiner Tristesse einen Hauch Eleganz. Erst abends gegen neunzehn Uhr kehrt das Leben in den ansonsten verschlafen wirkenden Betonklotz ein, wenn sich zur Abfahrt des Nachtschnellzuges nach Belgrad eine wuselige Menschentraube auf dem Bahnsteig bildet. Reisende aller Couleur hoffen in dieser magischen Stunde vor Abfahrt auf Tickets, die letzten freien Platzkarten, die passenden Schlaf- & Liegewägen oder Proviant für die Nacht, während im Hintergrund die Autowaggons in unterschiedlichen Stufen der Umsichtigkeit beladen und rangiert werden und hektische Schaffner mit gemächlichen Bahnhofsvorstehern oder Lokführern plaudern. So leger die Uniformen am Körper der Bahnbeamten herunterfallen, so akkurat sitzen die roten Mützen. Unsere noch handschriftlich ausgefüllten Platzkarten für den Erste-Klasse-Schlafwagen werden vom Schlafwagen-Schaffner gründlich beäugt und mit einem knappen "O.K." für angemessen befunden.

Am Ende des Zuges heben sich zwei königsblaue Waggons mit Sicken und gold leuchtenden Emblemen von den anderen auffallend ab. Nostalgie greift um sich, es handelt sich um zwei Wagen des legendären Plavi voz, des Regierungszuges des jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito. Im Plavi voz atmet die Luft Bedeutungsschwere, der Zug erlebte zwischen den Neunzehnhundertvierzigern und Neunzehnhunderneunzigern nicht nur Tausende von Kilometern Schienenleben in der damaligen Republik Jugoslawien, sondern auch Fahrten nach Westeuropa - unter anderem nach Frankreich und Griechenland - und Russland. Neben weniger hellen Persönlichkeiten der Geschichte transportierte er im Laufe der Jahre auch Königin Elisabeth II. Seinen letzten Dienst als Regierungszug tat er Neunzehnhundertneunundachtzig, heute steht er als Symbol für eine Staats- und Machtära, die längst ihr Leben ausgehaucht hat, ohne von ihrer suggestiven Kraft verloren zu haben - zumindest für Osteuropa-Nerds wie uns. 

Wir finden unsere Abteile im hinteren der beiden Waggons. In der charismatischen Inneneinrichtung aus Walnuss und Mahagoni spiegeln sich sechzig Jahre Sorgfalt, es riecht nach angewärmten Teppichboden und Reise-Romantik. Vor den Fenstern zieht der auslaufende Abend dahin, wir lehnen uns aus den Fensterrahmen, der kühle Metallrahmen der Fensterverkleidung drückt gegen die Ellenbogen. Über dem Skutari-See - silbergraue Ruhe, auf der die schattenhaften Silhouetten länglicher Fischerboote für den passenden Touch Asien-Exotik sorgen - entleert sich der Himmel in kirschroten und roséfarbenen Farbschlieren, während die nahende Nacht milde Dunkelheit in das angrenzende Bergpanorama pumpt.

 

Ein etwas abgelegenerer Strandabschnitt bei Sutomore - im Hintergrund ist bereits die Stadt Bar zu erkennen Der Bahnhof von Bar Einer der zahlreichen Grillstände sorgt für den Reiseproviant

Der "Lovcen-Schnellzug" in Bar an einem Sommerabend, aufgenommen im August 2013

Wappen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien am Salonwagen des "Plavi voz" (serbokroatisch für blauer Zug) im Bahnhof von Bar Stillleben an einem Wagen des Wagen des "Plavi voz" (serbokroatisch für blauer Zug) im Bahnhof von Bar Wagen des "Plavi voz" (serbokroatisch für blauer Zug) im Bahnhof von Bar

Nina, Tobi & Anna (v.l.)

Fahrgäste und Bahnpersonal warten auf die Abfahrt des Nachtschnellzugs nach Belgrad Zuglauf des Lovcen-Nachtschnellzug von Bar nach Belgrad Und Abfahrt! Blick aus dem Fenster bei Sutomore

Bei Sutomore verläuft die Strecke einige Kilometer parallell zum Meer und bietet so immer wieder tolle Ausblicke auf die Adria

 Bei Sutomore verläuft die Strecke einige Kilometer parallell zum Meer und bietet so immer wieder tolle Ausblicke auf die Adria Was gibt es schöneres als ein Übersetzfenster? Wenige Minuten später wird der Skutarisee passiert - ein letzter Blick...

Über dem Skutarisee bricht die Nacht herein

Als uns die Dunkelheit den Ausblick verwehrt machen wir uns auf die Suche nach der Bar irgendwo im vorderen Waggon, landen aber im Salon-Bereich des Wagens und bleiben dort hängen. Ein energischer Schlafwagen-Schaffner drückt uns auf die sofaähnlichen Ecksitze am langen Salontisch, dimmt die Deckenbeleuchtung auf schummriges Halblicht und schiebt die bereits bereit stehenden Aschenbecher auffällig unauffällig in unsere Richtung. Wir rechnen als nächstes mit reizender Saxophon-Musik aus unsichtbaren Lautsprechern, bekommen aber stattdessen die handgeschriebene Getränkekarte - komplett auf serbisch - in die Hand gedrückt. Getränke, so erklärt uns der Schaffner mit ausladenden Gesten, ohne dass wir ein einziges Wort Serbisch verstehen können, gebe es auch hier. "Nix Bar!" Wir sind uns sicher, dass er nicht Getränke, sondern Alkohol gesagt hat, es läuft sowieso auf eine Angebotsreichweite von Coca Cola, Kaffee und Schnaps hinaus.


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In die Bar werden wir es an diesem Abend nicht mehr schaffen. In der vernebelten Atmosphäre des Salons, in der sich nicht nur Tabak, sondern auch jegliche Bedenken zum Denkmalschutz in Rauch auflösen, scheint es, als habe sich die politische Sphäre der vergangenen Jahrzehnte bis heute erhalten. Eingelullt in das gedimmte Licht, den bitteren Geschmack von Sliwowitz und frisch aufgebrühtem Kaffee auf der Zunge, lassen wir uns von der Atmosphäre des Salons von vergangenen Zeiten erzählen, von den politischen Ideen, die hier an diesem Tisch ausgefochten, verteidigt und verworfen wurden, und von den Köpfen dahinter. Als der Schlafwagen-Schaffner unsere ehrliche Begeisterung für die Historizität des Waggons registriert, werden seine Augen so groß wie sein wissendes Grinsen. Eine Minute später finden wir uns in einem der ehemaligen Luxusabteile des Waggons wieder, eigentlich unzugänglich für Fahrgäste. Der Schaffner deutet mit dramatischen Gesten hier hin und dort hin, freut sich über unsere sich erhellenden Gesichter und beendet die kurze Privatführung mit der Vorführung eines historischen, holzverkleideten Wandradios. Wir zelebrieren mit nicht weniger Begeisterung das Drehen an den Knöpfen, und als aus den altersschwachen Lautsprechern tatsächlich so etwas wie ein rauschendes Krächzen klingt, schwillt dem Schaffner vor Stolz die Brust.

Der restliche Abend fließt im gemächlichen Tempo der Schnäpse dahin, die über den langen Tisch gereicht werden. Nach jedem Glas fällt es leichter, das Serbisch des Schlafwagen-Schaffners und des montenegrinischen Zugchefs zu verstehen, der irgendwann plötzlich einfach da ist und die Beine auf dem dicken Teppich lang streckt. Gegen Mitternacht zieht es uns ans Fenster. Brennende, klare Lichter flimmern an einem wolkenlosen Nachthimmel, als wir durch samtenes Schwarz über das Mala Rijeka - Viadukt fahren. Erfüllt von diesem Anblick machen wir uns schlaftrunken auf zurück in unser Abteil, allerdings nicht ohne um ein ausladendes Abschiedsritual mit Schaffner und Zugchef herumzukommen. Letzterer lässt uns sogar die Ehre eines Willkommenspakets für Gäste zuteil, inklusive Seife, Zahnputz-Becher und Einweg-Hausschuhe, alles versehen mit dem Logo der serbischen Staatsbahn. Wir fallen in die weichen Betten in der Gewissheit, einen Bund mit der serbisch-montenegrinischen Zugfahrt geschlossen zu haben - und mit einer Tüte voller Hygiene-Artikel für unser Souvenir-Regal nach Hause zu kommen. 

Dienstabteil im Salonschlafwagen Das größte Abteil im Salonschlafwagen Selbst ein Radio ist im Abteil vorhanden (soagr funktionsfähig!) ;-)

Normales Schlafwagenabteil  

Der Kellner (Mitte) lässt uns seine Schnapsauswahl probieren ;-) Zum Wohl! ;-) Immer für ein Foto zu haben: Der montenegrinische Schaffner und Nina ;-)

Lange Tafel im Salon 

Teile der Willkommenstüte der Serbischen Staatsbahn Frühstückskaffee Ankunft in Belgrad

Nach Ankunft beginnt das Entladen - Stückgut und Gepäck werden aus dem Zug gehievt

Bahnhof Belgrad Bahnhof Belgrad Reste der früheren Lokomotiven des Blauen Zuges in Topčider

Festung Kalemegdan in Belgrad


 

  // Unser Reisevideo zur Fahrt im Plavi voz //


Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus erreicht man Belgrad entweder über Budapest oder Zagreb. Von Wien aus gibt es auch Direktverbindungen. Platzkarten für den nur in den Sommermonaten verkehrenden Tito-Salonschlafwagen gibt es entweder vor Ort bei der serbischen bzw. der montenegrinischen Staatsbahn oder der Wasteels-Agentur von Herrn Miodrag Popovic in Belgrad. Diesen erreicht man am besten per Telefon unter (00381)112658868. Platzkarten verschickt er gegen Gebühr auch bis nach Deutschland.

 // Bahntickets //  Hier findest du nationale & internationale Bahn-Sparpreise 


 

Unsere Linktipps:

Unterkünfte in Bar auf www.booking.com

Unterkünfte in Belgrad auf www.booking.com

 

 


Blogtipp: Kennt Ihr Sveti Stefan? Monika und Peter vom TravelWorldOnline Blog waren auch in Montenegro unterwegs und Ihren Reisebericht findet Ihr auf travelworldonline.de

 

 

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