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Ein Tag in VarnaI Von verlassenen Sowjet-Monumenten und Dauerduschern


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 25.05.2014

VARNA, BULGARIEN

Osteuropareise 2013Ein mysteriöses Klopfen an unserer Tür unterbricht die Nacht, es bleibt allerdings offen, wer oder was draußen im Gang unterwegs gewesen ist. Morgens wecken uns die Strahlen einer warmen Sonne. Ausgeschlafen begeben wir uns in den Speiseraum zum Frühstück – ein weiterer Traum aus Bananengelb und milchigem Babyrosé mit gestreiften Tapeten und hellen, lichtdurchlässigen Deckenfenstern – und checken an der Rezeption aus. Wir lassen unser Gepäck bei der professionell lächelnden Rezeptionistin zurück, dann entlässt uns das Splendid in einen stählern blauen Vormittag.

Ein ehemaliger Tuttlinger Bus verspricht uns per Zielanzeiger eine „stressfreie Fahrt mit dem Stadtbus“ – man könnte meinen, dass alle Busse der Bundesrepublik aus den 1980ern den letzten Abschnitt ihres Produktzyklus in Bulgarien verbringen. Durch einen flüssigen Stadtverkehr geht es Richtung des riesigen Betonklotzes, den wir am vergangenen Tag zwischen Innenstadt und Golden Sands entdeckt haben und der auf keinem modernen Stadtplan Varnas mehr eingezeichnet ist. Der Betonklotz entpuppt sich mit etwas Recherchearbeit als ein „Monument der Bulgarisch-Sowjetischen Freundschaft“, ein grauer Koloss mit scharfen Kanten und Winkeln, sechs übermächtige Gesteinsfiguren an der Seite, ein mächtiges Gebilde mit knapp 25 Metern Höhe, das auf einem weitläufigen Berg zwischen Außenbezirk und Vorort Varnas thront. Ende der 1970er zur Feier der sowjetisch – bulgarischen Freundschaft als Veranstaltungszentrum erbaut, riss der Niedergang der Sowjetunion knapp 10 Jahre später auch das Monument in die politische Bedeutungslosigkeit. Heute thront das Betonmonster verwaist und ausgeschlachtet auf dem Berg, sieben steinerne Augenpaare blicken unbewegt auf ein gewachsenes Varna hinunter. Wir verlassen den Bus auf Anraten des Fahrers in der Nähe des Monuments und irren unter einer schwülen Mittagssonne eine Weile in Staub und Abgas umher, denn es ergibt sich zunächst keine Möglichkeit, die stark befahrene, vierspurige Straße zu Fuß zu überqueren. Am Fuß des Berges schließlich legen wir eine kurze Pause ein und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Jenseits der vielstufigen Treppen und betonierten Terrassen, die zum Monument hinauf führen, hat sich die Bepflanzung stellenweise durch den grauen Betonboden gefressen. Die Bodenplatten sind gesprungen, die Treppenstufen zur Mitte hin eingesunken. Über uns zieht das Monument eine harte Linie gegen das glasklare Blau des Mittagshimmels.

Die Muttergottes-Kirche

Tuttlinger Stadtbus in Varna Buttermais wird an den Straßen verkauft Große Wohnungskomplexe umringen die Innenstadt

Wir beginnen mit dem Aufstieg, halten häufig inne und schießen eine Menge Fotos, als wir die erste Terrasse erreichen. Bereits von hier aus sieht man auf das Meer herunter, das am Horizont in wabernden Lichtern verschwimmt. Die Sonne brennt heiß vom Himmel, die Luft ist aufgeheizt und stinkt nach Stadt. Auf der zweiten Terrasse stören ein nachtblauer Audi und zwei boxende Bulgaren – der eine lang und knochig, der andere eine bewegte Masse an gut durchgeklopften Muskeln – den Eindruck der Verwaisung. Die Männer beachten uns nicht, sondern tänzeln in ehrgeiziger Konzentration umeinander her, ihre Schläge untermalen die Stille auf dem Weg zum Monument hinauf mit einem unregelmäßigen Rhythmus. Die Rasenflächen neben dem Treppenaufgang platzen vor Grün, je höher wir steigen. Als wir endlich die letzte Terrasse erreichen und in dem Durchgang stehen, über dem sich die beiden Seitenflügel des Gebäudes zu dem mächtigen Monument schließen, schmeckt der Wind zum ersten Mal seit Tagen wieder ansatzweise nach Luft statt nur nach Abgas. 360 Grad um uns herum breitet sich Varna unter uns aus, ein in der trüben Luft leicht milchiges Gemisch aus Farben und Formen. Es ist inzwischen früher Nachmittag, die Sonne brennt so heiß vom Himmel, dass wir eine Weile Schutz suchen im Schatten des Durchgangs. Über uns thronen einschüchternd die sieben steinernen Figuren an den Wänden des Gebäudes, drei Frauen und vier behelmte Soldaten mit Sowjetstern auf der Stirn. Die Figuren sind Moderne und Bauhaus, sieben rationale, leblose Massive mit sterilisierten Gesichtszügen und grobschlächtiger Anatomie. Die Soldaten – zäh und archaisch männlich – perfekt vereint im Kollektiv durch die Idee, die hier in Bulgarien kein Ideal mehr ist, sondern Historie. 20 Jahre des Vergessens haben den Wänden des Monuments bis auf drei Meter Höhe bunte Graffitis aufgepinselt, ein grelles Make Up über dem traurigen Teint der Bedeutungslosigkeit. Wie schon am Vortag werden wir erneut eingenommen von der besonderen, für uns vor Geschichte triefenden Atmosphäre dieses Ortes und wir bedauern, nicht mehr über die Hintergründe, seine historische Bedeutung für Varna zu wissen. Wir verbummeln zwei Stunden am Monument in absoluter Menschenlosigkeit, obwohl es nicht wirklich mehr zu sehen gibt als Staub, grauen Beton und Unmengen von Plastikflaschen, die in jede Kante und jeden Winkel des Denkmals gestopft sind. Mindestens eine Stunde lang stehen wir vor dem Loch, das unter dem Durchgang seitlich in der Mauer klafft und – zumindest theoretisch – den Durchgang in das Innere des Gebäudes freigibt. Wir leuchten mit dem bisschen, was unsere Handys an Licht hergeben, in die Öffnung hinein, sehen einen vermüllten Flur, eine steil nach oben führende Treppe, dunkle Türöffnungen und Staubteilchen, die in der Luft tanzen. Unsere Füße baumeln schon über der Mauerkante, als wir schlussendlich beschließen, die Erkundungstour ins Innere sein zu lassen, zumal wir nicht einmal unsere Taschenlampen dabei haben. Weniger unser Instinkt als die Logik der Situation lassen uns annehmen, dass das riesige Monument innen sicherlich nicht so menschenleer ist wie außen und dass die Bewohner – seien sie nun zwei- oder vierbeinig – es sicher ungern sehen, wenn ihnen zwei abenteuergeile Touris in der Dunkelheit über die Schlafstätten latschen.

Das Varna Monument

Das Varna Monument Boxer am verlassenen Varna Monument Das Varna Monument

In den Beton geschlagene Figuren prangen an der Außenfassade

Es nagt der Zahn der Zeit Ein großes Loch führt in das Innere des Monuments Große Flaggen wehen im Wind vor dem Schwarzen Meer

Der Stachel des Bedauerns sitzt allerdings tief, und als wir uns am späten Vormittag auf den Weg zurück in die Stadt machen, schicken wir beide in Gedanken die Memo an uns selbst, keinen Tag dieser und zukünftiger Touren mehr ohne unsere Taschenlampen aus dem Haus zu gehen. Unsere Suche nach einem Mittagessen endet schließlich auf der Terrasse eines Restaurants direkt an der Strandpromenade. Der Boden ist natürlich, während des Essens können wir die Zehen ins Gras strecken und direkt auf das blaue Meer sehen. Anna schafft die kaum zu bewältigende Herausforderung, in einem osteuropäischen Restaurant etwas ohne Fleisch zu bestellen – dass der Salat fade und ungewürzt schmeckt, spielt nach dem zweiten Glas Kamenitza-Bier keine Rolle mehr – während Tobi mit Fisch vorliebnimmt und damit zum Objekt der Begierde eines Katzenjunges wird, das während des Essens um unsere Füße streicht, den bernsteinfarbenen Blick starr auf seinen Teller geheftet. Die Sonne steht in einem steilen Winkel, als wir an der Strandpromenade entlang zurück Richtung Stadtzentrum schlendern, den Kopf immer noch voll mit den Eindrücken von Betonmonumenten und Sojwetromantik. Am Strand unter uns reihen sich Armeen von Liegestühlen aneinander, ein Strandabschnitt ist vollgestopfter mit Strandkörben und Sonnenschirmen als der nächste. Wir passieren Strandabschnitte, die wir zwei Tage zuvor bereits erkundet haben und setzen uns an einem öffentlichen Teil zwischen die wenigen Einheimischen und die überquellenden Mülleimer in den Sand, das Gesicht im kühlenden, leicht nach Dieselöl stinkenden Wind. Unterhalb des Weges ragen rostige Rohre aus dem Boden, aus denen warmes, faulig riechendes Wasser fließt – Thermalwasser, das mit Mineralien versetzt ist und sich aus einer natürlichen Quelle unterhalb der Stadt speist. Für die Bewohner der Stadt ist das Wasser durch Brunnen oder Duschanlagen in Strandnähe frei zugänglich; wir beobachten einen jungen Mann im hautengen Badehöschen, der eine der Duschen in Beschlag genommen hält und sich das heilende Wasser ununterbrochen über das Sixpack laufen lässt. Wir überlegen eine Weile, ob eine Nebenwirkung des Wassers ein Ansteigen der Muskelmasse zur Folge hat, denn es ist uns ein Rätsel, wie man Zeit für Sport hat, wenn man seine komplette Freizeit mit Duschen zubringt. Und das blaue Badehöschen muss ja schließlich auch von irgendwas bezahlt worden sein. Nach einer Weile werden wir schläfrig, wir strecken die Füße ins Wasser und dösen eine Stunde vor uns hin, bis die Sonne schließlich in einem schrägen Winkel über der Stadt steht und das Wasser eine dunkelblaue Färbung annimmt. Da wir die nächsten eineinhalb Tage ohne sanitäre Einrichtungen auskommen müssen, nutzen wir die Gelegenheit und springen, bevor wir den Strand verlassen, unter eine der Duschen. Ignoriert man den Gestank nach Verfaultem, fühlt sich das Wasser auf der Haut an wie Seide. Nach der Dusche fühlen wir uns überraschend erfrischt und wach.

Strandleben

Einladende Gastronomie am Meer Frischer Schwarzmeerfisch Gepflegte Straßenkatze

Abendstimmung im Stadtzentrum

Dank Tobis Orientierungssinn finden wir anschließend den Biergarten wieder, den uns Boryana am Vortag zum Abendessen empfohlen hat. Der Garten ist freundlich und einladend, grün-gelbe Wände umgrenzen den Hinterhof mit den dunklen Holzbänken. Es ist noch früh am Abend, trotzdem sind die meisten Tische bereits von Einheimischen belegt. Wir ergattern einen der letzten freien Tische, froh, unsere schmerzenden Füße für mindestens eine Stunde ruhen lassen zu können. Um uns herum wird geraucht und gelacht, Menschen aller Altersklassen sitzen zusammen und diskutieren unüberhörbar, wir hören kein Englisch, nur Bulgarisch und Russisch. Die Karte ist auf Kyrillisch geschrieben, hat aber große, bunte Bilder. Als die Kellnerin kommt, tippen wir auf gut Glück auf etwas, das essbar aussieht, und bekommen Zagorka-Bier und Mayonnaisesoße serviert, in der ein Hauch von Salat schwimmt. Hier, in diesem überfüllten, lärmenden Biergarten, sehen wir uns an und realisieren genau in diesem Moment, wie sehr wir uns innerhalb von drei Tagen in Varna verliebt haben. Sicher keine harmonische Liebe, mehr die Hassliebe zwischen Protagonist und Antagonist, nur dass uns nicht ganz klar ist, welche Rolle wir davon besetzen. Im Gegensatz zu Strandstädten vergleichbarer Größe und mit ähnlichem Touristenaufgebot in Westeuropa ist Varna rau, hässlich und dilettantisch. Und genau das lieben wir. Denn die Straßen der Stadt tragen – wie so viele Städte im Ostblock - Dilettantismus zur Schau und verbergen dahinter eine einfache Form des Pragmatismus und einer Unkompliziertheit, die uns trotz der sichtbaren Problematiken – wir denken an die Müllberge in den Wäldern – trollig und auf eine liebenswerte Art und Weise hilflos vorkommt. Alles wirkt chaotisch, planlos und durch und durch authentisch. Man liebt das als Westeuropäer, oder man hasst es. Wir lieben es, und wir spüren, wir sehr wir Varna an diesem Abend nicht verlassen wollen. Doch wir müssen, die Tickets sind bezahlt und Sofia wartet auf uns. Unter einem milchigen, roséfarben angelaufenen Abendhimmel geht es zurück zum Splendid und unserem Gepäck, und dann zu Fuß Richtung Hauptbahnhof. Im Stadtzentrum gönnen wir uns ein Radler aus der Dose eine letzte halbe Stunde auf einer Parkbank, jeder alleine mit seinen Gedanken und den Eindrücken, die wir in den vergangenen Tagen gesammelt haben. Erst als sich die silberne Mondsichel über den Himmel schiebt, so strahlend hell, als hätte sie zuvor dem Abend alles Licht ausgesaugt, machen wir uns schweren Herzens auf den Weg zum Bahnhof. Den klapprigen Dealer, der uns in einer Seitenstraße Marihuana andrehen will, lassen wir liegen, genauso wie die Taxifahrer, die nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich nur noch halb so penetrant auf ein deutliches Nein reagieren wie bei Tag. Auf dem Bahnhof erwartet uns eine Überraschung, als wir unseren Nachtzug besteigen – obwohl wir uns auf das Schlimmste eingestellt haben, leuchten uns in unserem nagelneuen Schlafwagen türkischer Herkunft senffarbene Bettbezüge und gepflegter Teppichboden entgegen. Tobi, der den Zustand der Züge, die normalerweise auf dieser Strecke fahren, gut kennt, ist erleichtert, sich keine Gedanken über Bettwanzen und Läuse machen zu müssen, und kann entspannt ins Bett fallen.

Um kurz vor zehn rollt unser Wagen an, ohne lange Gespräche machen wir uns bettfertig und setzen uns noch eine Weile an das Fenster, den Blick nach draußen gerichtet, wo der Mond die nebligen Silhouetten der Schiffe anscheint. Das regelmäßige Rattern der Schienen ist nach kurzer Zeit so monoton und einschläfernd, dass wir übergangslos in einen erschöpften Schlaf fallen.

Im Bahnhof Varna

Die Schlafwagen des Schnellzuges von Varna nach Sofia 1. Klasse Schlafwagen der BDZ 1.Klasse Schlafwagen der BDZ

Die Schlafwagen des Schnellzuges von Varna nach Sofia

 


Nächster Tag: folgt in kürze... 

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