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In Golden-Sands & Varna I Von Mönchsgammaschen, Müllkultur und Stadtanekdoten


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 22.04.2014

GOLDEN-SANDS - VARNA, BULGARIEN

Osteuropa 2013 Der nächste Tag beginnt mit hochtrabenden Zielsetzungen, die schnell über unsere geografische Unkenntnis stolpern. Nachdem wir uns nach einem ausladenden Frühstück im Hotel  an die Bushaltestelledirekt vor der Türe gestellt haben, kommen wir nicht umhin uns einzugestehen, dass unser Plan, nach Golden Sands zu fahren und in den Wäldern dort auf gut Glück nach dem Aladzha Kloster zu suchen, etwas gewagt ist. Doch der Himmel ist stählern blau und ein frischer Wind vertreibt die miefige Ostblockluftvon den Straßen – das versetzt unserem Optimismus den nötigen Push und wir fragen uns bei den Passanten nach der richtigen Busnummer durch.

Mehr als eine halbe Stunde lang geht es in einem ehemaligen Münchner Stadtbus, in dem die verblassenden Hinweisschilder auf Deutsch langsam von den Wänden blättern, durch die Außenbezirke Varnas in Richtung der riesigen Ferienanlage Golden Sands. Ein grauer Betonblock folgt dem nächsten, Satellitenschüsseln stechen aus den Wänden wie kleine, weiße Dornen. Dann lichtet sich das Stadtbild, Grau wechselt mit Grün, und als links von uns die Häuserfronten plötzlich aufbrechen fällt uns sofort derriesige, unförmige Betonklotz ins Auge, der abseits der Straße auf einem Hügel thront. An den Außenwänden kleben überdimensionale Soldatenfiguren. Wir schlussfolgern, dass es sich bei dem Gebilde um das Denkmalhandeln muss, dass wir am Vortag vergeblich zu findenversucht hatten. Unser Etappenziel für den folgenden Tag steht damit fest.

Kurz darauf erreichen wir Golden Sands, die kommerziellste Ecke Bulgariens, die wir bis dahin gesehen haben. Ein Massiv an dicht aneinander gelegener Ferienressorts – glitzernd und überfüllt mit denobligatorischen Strandtouristen – drängt an uns heran, als wir an der letzten Bushaltestelle der Linieaussteigen. Wir flüchten durch ein Meer an Bikini- und Badehoseträgern jeden Alters, die sich uns bewaffnet mit Schwimmreifen und Tonnen an Sonnenmilch in den Weg stellen, ein Stück die Straßen hinauf und schlagen uns irgendwann seitlich in die Wälder.

Wir müssen nicht lange laufen, bis der Lärm der Straße und der Ferienanlagen hinter uns zurückbleibt. Wir folgen wirren Hinweisschildern, auf denen das Kloster vermerkt ist, die aber ins Nichts zu führen scheinen. Der Weg ist steinig, führt mal aufwärts, mal seitlich entlang am ansteigenden Waldboden. Efeu greift nach uns, die Luft riecht erdig und abgestanden, die Bäume rücken eng aneinander. Wir hören so gut wie keine Vögel, sehen dafür jedoch Armeen von Schmetterlingen, deren gelbgemusterte Flügel wieTieraugen zu uns herüber blitzen. Hin und wieder brechen die Bäume auf und wir erhaschen einen Blick auf das ferne Meer unter uns. Davor erstreckt sich ein Dickicht an Grün, undurchdringlich und finster überall dort, wo die Sonnenstrahlen nicht bis auf den Waldboden durchkommen.

Unser Bus kann seine Herkunft nicht verbergen Zweisprachige Verkehrszeichen im Wald von Golden Sands Der Weg zum Wald Dichte Vegetation Ein Schmetterling am Wegesrand Dichte Bäume spenden bei 35° angenehmen Schatten

Die Atmosphäre scheint unwirklich, fast surreal. Von Zeit zu Zeit tauchen die verlassenen Überreste menschlicher Bauaktivitäten auf - Ruinen kleiner Grillhütten, zerschlagene Brunnen, zerfalleneHolzrondelle und sogar ein Plumpsklo mitten im Nirgendwo. All das wirkt vor unserem Auge so deplatziert, aus dem Kontext gerissen, als wären all diese Dinge, die einst mit viel Liebe zum Detail hier in den Waldfür die Wanderer gebaut worden waren, Miniaturspielzeuge eines launischen Kindes, das alles durch die Gegend geworfen und dann einfach liegen gelassen hätte. Ein kleiner Teil des sozialistischen Erbe Bulgariens, seit Anfang der 1990er der Zeit, dem Zerfall und der Vergessenheit überlassen.

Dieser seltsame Eindruck verstärkt sich, als der Weg sich plötzlich ebnet und auf eine Lichtung führt. In der Stille des Waldes liegt eine Art verlassene Ferienanlage vor uns. Wir kühlen unsere Hände in dem schmalen Brunnen am Rand des Geländes und sehen uns in Ruhe um. In der Mitte des Platzes thront ein helles Gebäude, das einzige der Anlage, das noch genutzt zu werden scheint. In der Auffahrt steht ein weißer Lieferwagen, wir hören Stimmen aus dem Inneren des Hauses, sehen aber niemanden.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt uns ein. Wir beginnen schweigend zwischen den Überresten der Anlage herumzuschlendern, tauchen ein zwischen die Schatten der Bäume. Leere Fensterhöhlen starren aus den zugewachsenen Bungalows zurück, die überall um uns herum im Wald verteilt liegen. Gerosteter Lack blättert von den Straßenlaternen, die zwischen dem Dickicht aus dem Boden sprießen, weit abseits des Weges, wie die gesprungenen Blüten einer stählernen Blume. Bröckelnde Grillstellen und modernde Schaukeln. Mit jedem Schritt eine kleine Zeitreise, in der die Gestaltung von Orten wie diesen hier von einer Agenda des Systemeuphemismus und des Pragmatismus bestimmt gewesen war.

Heute ist höchstens ein Schatten davon in der Anlage zurück geblieben. Sie erfährt keine Zerstörung durch die Menschen, und keine Wartung. Zeit und Vergessen haben sie konserviert, nur schleichend holt die Natur sich zurück, was durch keine pflegende Menschenhand in Stand gehalten wird. Die rostende Schranke und das verwaiste Wachhäuschen, die die Zufahrt zu dem Gelände markieren, sperren neues Leben aus.

Die verlassene, sozialistische Ferienanlage wird einer der stärksten Eindrücke bleiben, die wir von Bulgarien sammeln werden.

Anhaltendes Hundegebell in unserer Nähe reißt uns schließlich aus unserer Lethargie. Wir verlassen das Gelände über die Zufahrt. Als einige hundert Meter hinter uns die Silhouetten zweier großer Hunde auf dem Weg auftauchen, die uns aggressiv hinterher bellen, kommt kurzzeitig Nervosität auf. Wir schütteln die Tiere hinter eine Kurve ab und finden auf die geteerte Straße zurück. Ein Schild für Fußgänger weist über einen gefliesten Wanderweg neben dem Straßenrand in Richtung des Klosters. Weniger aus Kompetenz als aus fehlender Alternative beschließen wir, der touristischen Beschilderung erneut unser Vertrauen zu schenken und betreten den schmalen Pfad, der zunehmend steil den Berg hinaufführt.

Das Dickicht lichtet sich etwas. Wir sehen häufiger auf das Meer hinunter. Der Himmel ist immer noch strahlend blau, ein leichter Wind vertreibt die Hitze unter den Schatten der Bäume. Wir erreichen einen kleinen Aussichtspunkt mit vermoderter Grillstelle, hinter dem ein steinerner Brunnen den fünf bedeutsamsten Jahreszahlen der bulgarischen Unabhängigkeit gedenkt. Ein Stück weiter voraus passieren wir ein eingezäuntes Grundstück und schrecken vor dem großen, schwarzen Warnschild in kyrillischer Schrift zurück. Wir werfen einen schnellen Blick in den Innenhof des Wohnhauses. Die Mischung aus Gartengeräten, lose herumliegenden Kinderspielzeugen und dem rostigen Motorrad – ein Oldtimer der Marke BMW – mit angeschraubtem Maschinengewehr auf dem Heck des Beiwagens machen einen so einladenden Eindruck, dass wir schnell das Weite suchen.

Verlassende Grillstellen säumen den Wald Zerfallene Ferienanlage mitten im Wald Hier kontrolliert schon lange niemand mehr Besucher der Ferienanlage Verwaister Bungalow Immer wieder bietet sich ein Blick auf das Schwarze Meer Ein Kriegsmotorrad mitten im Vorgarten

Einen kurzen Fußmarsch weiter finden unsere Füße auf Teer zurück. Der Wanderweg kreuzt die Straße, hundert Meter vor uns wird die Auffahrt zum Aladzha Kloster von einem hölzerneren Torbogen und einem bulligen Souvenirverkäufer flankiert, der versucht, gekühlte Getränke, kleine Heiligenbilder und Schnitzfiguren der Mutter Gottes an die zahlreichen Touristen zu verscherbeln.

Wir können unser Glück kaum fassen, nach mehrstündigem Umherirren endlich den Eingang zum Kloster gefunden zu haben, und folgen der bewaldeten Auffahrt ein kurzes Stück. Zwischen den Bäumen leuchtet uns bereits der weiße Rücken des Aladzha entgegen. Das Gründungsjahr des christlich-orthodoxen Höhlenklosters gilt als ungesichert – bereits im 4. JH wurde die natürlichen Aushöhlungen in dem Kalkstein von menschlichen Siedlern geschliffen und im Inneren finden sich religiöse Malereien aus dem frühen 12. JH. Das Gelände des Klosters verliert sich ein Stück den Bergrücken entlang zu beiden Seiten im Dickicht. Der Öffentlichkeit ist direkt am Eingang zum Klostergelände der Zugang zu den Schlafstätten der Mönche und der Kapelle möglich, die in knapp 20 Metern Höhe in den Rücken des Kalkmassivs geschlagen wurden, und einen etwa 15-minütigen Fußweg durch den Wald entlang zu den Katakomben und den Grabstätten.

Der Weg zu den Schlafstätten führt über eine weite Terrasse und wird flankiert von den obligatorischen Straßenlaternen und einem etwas hilflos wirkenden Getränkeverkäufer, der unterschiedlichen Käufern die Flaschen zu unterschiedlichen Preisen anbietet. Das Plateau, ein schmaler langer Gang, der auf Seite des Bergrückens offen ist und einen Blick auf die Landschaft unter dem Kloster ermöglicht, enttäuscht uns etwas; die ursprünglichen Intentionen der einzelnen Räume – Schlafstätten, verrußte Kochstellen, Aushöhlungen für Fackel- und Kerzenhalterungen – sind in den bearbeiteten Gesteinsformen zwar noch erkennbar, allerdings haben Witterung, der weiche Kalkstein und die bulgarische Mentalität zur Erhaltung historischer Überreste einander zugespielt – viel ist von den farbfrohen Wandbemalungen nicht mehr übrig, weniger als einige schwache Verfärbungen im Weiß und Grau. Nur in der in den Stein geschlagenen Kapelle am Ende des offenen Ganges, deren Betreten durch eine vergitterte Türe verhindert wird, bröckeln Heiligenfiguren und religiöse Schriftzüge noch in leuchtendem Gelb, Grün und Blau und in erkennbaren Formen von der Decke. Hunderte Wünsche und Gebete glitzern vor uns auf dem Kapellenboden, doch wir behalten unsere Münzen für uns und stellen uns nicht die Frage, wohin das Wunschgeld am Ende der Saison fließt wenn nicht in die Instandhaltung der Klosteranlage.

Die Luft im Fels ist kühl und riecht erdig. Wir mustern eine Weile die gemalten Schilder an den Wänden, die den ursprünglichen Zweck einzelner Nischen oder Aushöhlungen erklären, und stellen uns anschließend an die Brüstung.

Orte wie diese atmen trotz ihrer touristischen Aufarbeitung und ihrem schlechten Zustand Geschichte und wir eine tiefe Ehrfurcht. Tauscht man das 21. Jahrhundert mit dem frühen Mittelalter und die bequemen Wanderschuhe mit den durchweichten Gamaschen der Höhlenbewohner überkommt uns hier, während wir das Gelände unter uns erblicken, unseren Blick schweifen lassen über das Meer aus Grün und das milchig-blaue Meer dahinter am Horizont, eine tiefer Respekt vor diesem Ort und den Menschen, die Jahrzehnte lang dieses Leben in Abgeschiedenheit und Demut meisterten – und ertrugen.

Wir verlassen nach einer Weile die Schlafstätten und finden weniger durch Ausschilderung und Wissen als mehr durch Zufall den Trampelpfad, der hinter den Ausstellungsräumen neben dem Museumseingang ins Dickicht zurück und zu den Katakomben führt. Nach 20 Minuten haben wir noch keine Höhlen gefunden, dafür weitere Relikte des trolligen Pragmatismus der bulgarischen Landschaftsgestaltung: Informative Hinweisschilder würden in drei verschiedenen Sprachen interessante Fakten zur hiesigen Flora erzählen, wäre der dicke Betonklotz, in den die Schilder gegossen sind um aufrecht zu stehen, in den Boden an der jeweiligen Pflanze eingegraben und nicht einfach nur in den Waldgestellt worden. Wir wollen die Tradition natürlich nicht brechen, greifen uns ein Schild mit Betonsockel, das umgeworfen direkt auf dem Weg liegt, und tragen es eine Weile mit uns herum, bevor wir es nebeneinen mit Ranken zugewachsenen Baum stellen, den wir ganz hübsch finden.

Ein rostiges, angelaufenes Schild (das tatsächlich eingegraben wurde) warnt auf Bulgarisch und Englisch vor Steinschlägen, wir erklimmen eine kleine Anhöhe und sehen endlich auf die Katakomben herunter – bzw. auf deren verwachsene Überreste. Hätte man uns erzählt, es hätte sich ursprünglich um eine Hobbithöhle aus Tolkiens Mittelerde gehandelt, es wäre nicht weniger glaubwürdiger gewesen.

Efeu und fleischiges Grün greifen von allen Seiten nach den Katakomben, die auf zwei Ebenen in die Erde gegraben oder geschlagen worden sind. Der Wald ist dicht, wenig Licht dringt durch das Blätterdach, die Luft ist schwer und still. Wieder überkommt uns diese Ehrfurcht vor der Abgeschiedenheit und Isolation, die die ehemaligen Bewohner hier erlebt haben müssen. Schatten und Licht tauchen die Szenerie in ein Spiel aus Hell und Dunkel.

Leider sind die Katakomben und die dahinterliegenden Höhlen für die Öffentlichkeit fast vollständig gesperrt. Wir schlagen uns durch den Efeu, erkunden eine Weile die wenigen vergitterten Fenster- oder Türöffnungen und halten unsere Nasen in die feuchte und kalkig riechenden Luft, die uns entgegen strömt. Im Schattenspiel der Katakomben gehen vor unserem Auge durchscheinende Mönchsgestalten ihren Geschäften nach.

Zweisprachiger Wegweiser zum Aladzha Kloster Wenig auffallend ist das Aladzha Kloster in den Sandstein geschlagen Malerien im Inneren des Aladzha Kloster Die Kapelle des Aladzha Kloster Sandsteinfelsen umgeben das Aladzha Kloster Sandsteinfelsen umgeben das Aladzha Kloster

Es ist weit nach Mittag, als wir beschließen nach Golden Sands zurückzukehren. Ein Abstecher in die Ausstellungshalle neben dem Eingang zum Museum, in der man sich über die Geschichte des Klosters und des orthodoxen Christentums in Bulgarien erkundigen kann, lohnen sich, dann finden unsere Füße auf die Straße zurück, die in langen Schlangenlinien den Berg herunter führt.

Autos ziehen an uns vorbei. Der Wald lichtet sich langsam je näher wir der Ebene kommen. Die Luft steht flimmernd über der staubigen Straße, es riecht nach heißem Teer und erhitztem Plastik. Müll türmt sich neben der Straße zu traurigen Bergen – kaputte Elektrogeräte, alte Kleidungsstücke, angeschimmelte Verpackungen, Zellophanpapier und Unmengen an Plastikflaschen. Nach etwa einer Stunde Fußweg finden wir eine Grillstelle im Wald direkt neben der Straße und unsere Eindrücke des bulgarischen Umgangs mit dem kommunistischen Erbe des Landes erneut bestätigt. Vor einer liebevoll gestalteten, zweiwandigen Grillhütte breitetet sich eine großzügige Grillstelle mit Sitzflächen, gefliestem Fußweg, hölzernem Kinderspielplatz und den obligatorischen Straßenlaternen aus – alles zernagt von zwei Jahrzehnten Zeit und fehlender Wertschätzung durch die Menschen, die diesen Ort nur aufsuchen zu scheinen, um ihn bis in den hintersten Winkel des Grillhäuschens mit Müll vollzustopfen.

Als die Sonne einen goldenen Abend einleitet erreichen wir das Tal und einen besonders penetranten Taxifahrer auf Kundenfang, dem unsere vehementen Versuche, ihn abzuwimmeln, ein so unschuldiges Grinsen ins zahnlose Gesicht zaubert, dass wir nicht anders können als mitzulachen. Im Bus erhalten wir unsere Tickets von der Busbegleiterin und machen uns auf den Rückweg nach Varna und zu unserem Hotel .

Sandsteinfelsen prägen das Bild des Waldes Verschlossener Zugang zu den Katakomben des Klosters Von der Natur zurück eroberte Grillstelle im Wald Dieser Pavillion bietet seit langem keinen Schutz mehr vor Wind und Wetter Boryana, unsere Reiseführerin aus Dobrich studiert derzeit in Varna Begleitet von drei Straßenhunden startet die Free City Tour

Bevor wir nach einer kurzen Pause zu der Stadtführung aufbrechen, zu der wir uns per Internet angemeldet haben, stärken wir uns im Traum aus Rosé mit hellem Brot und bulgarischem Orangen-Radler. Um 18 Uhr finden wir uns im gleisenden Abendgold an der kleinen Kathedrale ein, die zuvor per Email als Treffpunkt ausgemacht wurde. Unsere „Free Varna Tour“ beginnt mit einem kräftigen Handschlag unserer zierlichen Führerin Boryana, eine einheimische Studentin mit dunklen Augen, grellpinken Fingernägeln und einem warmen Lachen, das jeden ihrer Sätze begleitet. Bevor wir uns in die Innenstadt aufmachen erklärt sie uns in ein paar Sätzen das Prinzip der Free City Tours, die zunehmend Anklang finden in den Metropolen der Welt, vor allem auch in Bulgarien. Junge Einheimische, zumeist Studenten der ansässigen Universitäten, führen entdeckungsfreudige Touristen kostenlos durch die Stadt und bieten idealerweise– wie in unserem Fall mit der jungen Bulgarien – lebendige, mit Anekdoten gewürzte Entdeckungstouren anstatt des kommerziellen Massentourismus-Einheitsbreis, der das authentische Lebensgefühl eines Landes häufig von den Erfahrungswelten der Reisenden isoliert und komplexe Kulturen und Brauchtümer auf einen leicht verständlichen Nenner der Banalität herunterreduziert.

Unsere Begleiter für die Tour sind ein drahtiger Österreicher und ein älterer Franzose, was man seinem Englisch sofort anhört, sowie zwei magere Hunde, die sich ohne ersichtlichen Grund an unsere Fersen heften und sich keine fünf Schritte von unserer kleinen Gruppe entfernen, kaum dass wir uns auf den Weg gemacht haben.Die Männer sind schon länger als wir in Bulgarien unterwegs und beide auf Interrail-Tour, der junge Österreicher, um später behaupten zu können, vor dem Berufseinstieg nichts ausgelassen zu haben, der andere – wie er uns erzählt – um sich nochmal so jung wie vor zwanzig Jahren zu fühlen.Boryana führt uns zweieinhalb Stunden lang durch stark bevölkerte Einkaufspassagen und verwaiste, nostalgisch anmutende Hinterhofgassen, die Geschichte atmen. Wir erkunden Zarendenkmäler, verschiedene historische Gebäude aus der Geschichte Varnas, unzählige orthodoxe und eine rumänische Kirche, die uns in unterschiedlichen Lautstärken Ausrufe der Ehrfurcht vor russisch-orthodoxer Sakralarchitektur entlocken,und den Park am Strand, in dem sich das große, beckenartige Modell, das das Schwarzmeer mit seinen unterschiedlichen Tiefen und Bodenschichten darstellt, in einen Kinderspielplatz verwandelt hat.

Unsere treuen Begleiter Kirche der rumänischen Gemeinde Varnas Blick in den Innenhof einer orthodoxen Kirche Überreste der Römischen Therme  Blick auf den Industriehafen Varnas Ein U-Boot dient als Militärdenkmal am Hafen

Wir tauchen ein in eine Welt aus Farben und Gerüchen, aus den Geschichten Varnas und dem Echo vergangener Zeiten, das uns an der Schnittstelle zwischen Zerfall, Aufschwung und Patriotismus entgegenweht, wann immer wir die unzähligen, barocken Prunkgebäude und die gesprungenen Laternen im Dickicht zwischen Straßenpassagen und Strandabschnitten am Meer passieren. Nachdem wir eine Weile einer unspektakulär wirkenden Allee gefolgt sind, bricht Boryana plötzlich in eine Seitengasse aus und bleibt an einem Absperrgitter stehen. Knapp zwei Meter unter uns liegen die beeindruckenden Überreste der römischen Therme, die im zweiten Jahrhundert in den damaligen Stadtkern gebaut wurde. Auf mehr als sechstausend Quadratmetern breiteten sich damals die mit Mosaik und Marmor verkleideten Säle und Kuppeln des Bades aus. Was den Fall des römischen Reiches und die politischen Stürme in Bulgarien überlebt hat, wurde im Laufe der Zeit von den Bewohnern Varnas entwendet, abtransportiert, verscherbelt oder für den Ausbau der Stadt oder die Reparatur der umliegenden Gebäude genutzt. Die Aufarbeitung der geschliffenen und ausgeschlachteten Überreste lässt jegliche effekthaschende, touristenkompatible Ausgestaltung aus und beeindruckt einfach nur durch die bloße Existenz der alten Gemäuer, die vor uns aus dem Schatten der barocken Nachbarsgebäude herauswachsen.

Unsere Tour endet am Nationalmuseum – ohne das Hundepärchen, das wir irgendwo im dichten Gedränge einer Strandpassage abgehängt haben – im Halbdunkel eines herangebrochenen Abends, der langsam die Farben aus den Straßen saugt. Nach der herzlichen Verabschiedung von Boryana und unseren beiden Begleitern streifen wir eine Weile durch die Straßen und finden uns schließlich in einer schmalen Seitenstraße auf der Terrasse eines gemütlichen, urigen Restaurants wieder, dessen Gestaltung alles wiederspiegelt, was an traditionellen bulgarischen Stil- und Farbelementen zu finden ist – bunt gestreifte Tischdecken und Sitzbezüge, reich bestickte und verzierte Trachten als Wanddekorationen, eine dunkel vertäfelte Inneneinrichtung und – am wichtigsten von allem – reichlich Zargorka. Wir lassen uns einlullen von der angenehmen Atmosphäre des Restaurants und der Freundlichkeit des Personals, beobachten die zahlreichen Straßenkatzen und die einheimischen Gäste auf der Terrasse, vergessen die Zeit und genießen die großzügigen Grillpfannen, ohne an die Folgen für unsere Cholesterinwerte zu denken.

Irgendwann in der Nacht tragen unsere Füße uns zurück ins Hotel in einen traumlosen Schlaf.

Das früher als Brunnen fungierende Schwarzmeer-Modell dient heute als Kinderspielplatz  Auch ehemals Pariser Stadtbusse transportieren Varnas Bürger von A nach B Zwei Säulen markieren den Eingang zur Fußgängerzone Traditionelles bulgarisches Restaurant Gut, günstig und vor allem umfangreich zeigt sich die bulgarische Küche Tagesausklang am Strand

 


Nächster Tag: In Varna I Von verlassenen Sowjet-Monumenten und Dauerduschern

Vorheriger Tag: Ankunft in Varna Ι Unterwegs in der Stadt der nostalgischen Fotomotive


  

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