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Ankunft in Varna Ι Unterwegs in der Stadt der nostalgischen Fotomotive


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 09.07.2014

VARNA, BULGARIEN

Osteuropa 2013 Wir lassen die Nacht hinter uns und mit ihr Rumänien. Als wir morgens um fünf, geweckt von einer im Morgenwind verweht wirkenden Wagenbetreuerin, den Kopf aus dem Fenster in die Dunkelheit strecken, atmen wir bulgarische Luft. Die Passkontrolle geht routiniert über die Bühne, die bulgarischen Beamten, breit und stämmig in der Statur, sindkurz angebunden, aber nicht unfreundlich, und machen insgesamt einen patenten Eindruck. Die Sonne schiebt sich über den wolkenlosen Horizont, bald durchfahren wir das gewohnte Panorama aus Gold und Azurblau. Mit leichtem Wehmut sehen wir den zusammenschrumpfenden Silhouetten der Karpaten hinterher, die wir nachts komplett durchfahren haben und deswegen kaum selbst in Augenschein nehmen konnten. 

Gegen halb neun begeben wir uns in Richtung Speisewagen. Die Kellnerin hat sich inzwischen so an uns gewöhnt, dass sie uns mit knappem Kopfnicken und Zähneaufblitzenlassen begrüßt, eine Gebärde der Eingeschworenheit nach dem gestrigen Bananenerlebnis. So viel Zeit, wie wir die vergangenen zwei Tage hier verbracht haben, beginnen wir uns nach dieser Geste wie ein Stück des Waggoninventars zu fühlen. Wir starten den Tag mit Kaffee und Spiegelei. Ein paar wenige Menschen durchqueren den Wagen während wir essen, darunter unsere Schlafwagenbetreuerin und einer der Zugbetreuer. Es scheint, als würden sich die Angestellten mit jedem zurückgelegten Kilometer auch vom ungarischen Drill der Garderobenvorschriften distanzieren; aus Anzug wird Shorts und Polohemd, irgendwann fehlt dann die Krawatte, und unsere Wagenbetreuerin verrenkt sich heute nicht in Absätzen, sondern in bequemen Turnschuhen auf den Leiterchen der Abteile.


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Eine Stunde später wird es Zeit, die Taschen zu packen, wir erreichen den Bahnhof von Varna, einen der ältesten Bahnhöfe Bulgariens überhaupt. Das Bahnhofsgebäude, errichtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erinnert auf den ersten Blick an den Bahnhof in Lindau am Bodensee. Ein zweiter Blick über die weiße, neobarocke Fassade des Gebäudes, die niedrigen Bahnsteige, die gebräunten Menschen, die in Manier absoluter Selbstverständlichkeit über die Gleise laufen, vertreiben diesen Eindruck schnell. Einen festen Händedruck und einen Haufen warmer Glückwünsche später haben wir uns von einem etwas zurückhaltender wirkenden Joszef verabschiedet und beschließen, als erstes die Tickets für die Fahrt nach Sofia zu kaufen. Wir überqueren den Bahnhof und kämpfen uns durch eine Schar unglaublich motivierter und unglaublich penetranter Taxifahrer zum Ticketschalter in einer kleinen Nebenhalle im überdachten Teil des Gebäudes.

Der Schienenstrang wird immer grüner

Der nächtliche Grenzbahnhof Frisches Spiegelei im Speisewagen Wir erreichen den beeindruckenden Bahnhof von Varna Unser Zuhause der letzten 22 Stunden Der Bahnhofsturm von Varna

Als wir den Bahnhof verlassen, lassen uns die Temperaturen deutlich den Sommer spüren, ein kalter Windzug macht das Atmen aber erträglich. Wir schlagen die grobe Richtung ein, in der wir unser Hotel vermuten. Wir lassen uns Zeit mit dem Weg, die Augen weit auf und gespannt auf den Aufenthalt in der ersten Stadt auf osteuropäischem Boden. Auf den ersten Blick können wir keine Eigenarten im Stadtpanorama erkennen, kein Wesenszug, der Varna sofort aus der Masse anderer europäischer Großstädte herausstechen lässt. Ungewohnt für uns, natürlich, aber nichts Außergewöhnliches. Varnas Basisrezept–die schmalen Seitengassen mit ihren krummen Straßen, die gradlinigen, mehrstöckigen Gebäude in den Hauptstraßen, entweder im akkuraten Gewand sozialistischer Planbauten oder angehaucht mit neogotischen oder neobarocken Stilelementen, weiß gekachelte Brunnen und weite Trassen in den Fußgängerzonen mit aufgesprungenen Bodenplatten, kyrillische Schriftzüge auf den Straßenschildern, in den Schaufenster der schmalen Modegeschäfte, in verrosteten Lettern über den abgedunkelten Scheiben der Eckkneipen und Bars –hat der Massentourismus seine poppigen Zutaten untergemischt; die Stadt hübscht sich vermeintlich überall dort mit den jungen und stylischen Menschen Varnas auf, wo die Logos amerikanischer Klamotten- und Getränkemarken grell aus der Stadtfassade herausstechen und die obligatorischen Fastfood – Restaurants jeden Auswertigen anlocken, der auf der Suche nach Bekanntem ist. Konsum und Imitation. Wohl unvermeidbar in einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, noch dazu in der drittgrößten Stadt Bulgariens, in der das Klima und die weiten Strände die Touristen dazu verleiten, sich den ganzen Sommer über von der Sonne braun brutzeln zu lassen und weniger dazu, sich den drei W – Fragen zu besinnen und auf der Suche nach dem authentischen Kern der Stadt durch die Straßen zu ziehen.

Unsere Unterkunft im Hotel Splendid – fünf Sterne , gelbgetünchtes Barockgebäude, das mehr lang als breit ist – liegt knapp 15 Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt im Zentrum der Stadt, jedoch abseits der primären Anlaufpunkte für Touristen nahe dem Strand und der Innenstadt. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es gerade erst elf und daher zwei Stunden zu früh für den Check In ist. Wir suchen uns eine schattige Bank in der Parkanlage der Muttergottes-Kathedrale, die direkt neben unserem Hotel liegt, ein monumentales Beispiel bulgarisch-orthodoxer Kirchenarchitektur. Die goldenen Kuppeln der Kirche strahlen im Sonnenlicht vor dem Königsblau des Mittagshimmels, es brennt in den Augen, hinaufzusehen. Eine Weile beobachten wir die drei älteren Herrschaften auf der Bank uns gegenüber – zwei Frauen und ein Mann – die sich angeregt unterhalten, die Hände in die Luft werfen, erst laut gestikulieren, dann wieder nur leise lachen, sich vorsichtig an den Armen berühren, während einer spricht und die anderen zuhören. Sie könnten sich über ihr Frühstück unterhalten oder auch über die Ungerechtigkeit der Welt klagen, ihrer Körpersprache ist es nicht anzusehen. Der Mann trägt einen dunklen Anzug, die Frauen luftige Sommerkleider. Wir lassen die Eindrücke eine Weile auf uns wirken, werden schläfrig von der Sonne und der Tatsache, über Nacht über tausend Kilometer hinter uns gebracht zu haben. Um uns herum, zumindest ist das unser subjektiver Eindruck an diesem Samstagvormittag, sind – neben den obligatorischen Touristen wie uns – hauptsächlich ältere Menschen zu sehen, Kinder so gut wie keine. Sie wirken agil und extrovertiert, flanieren in kleinen Grüppchen durch den Park oder sitzen schwatzend in den Straßencafés zusammen.

Kurz vor eins springen wir in einen kleinen Nahrungsmittelladen an der Ecke zu unserem Hotel , kaufen einen Laib Brot, saure Gurken und eine Packung bulgarischer Würste, und checken in der kleinen, aber recht edlen Lobby des Splendids ein. Die Rezeptionistin überreicht uns unseren Schlüssel für den Traum aus Rosé, der uns für die nächsten drei Nächte beherbergt, und nach einer erfrischenden Dusche und einem schnellen Mittagessen treibt uns der Tatendrang auch schon wieder zurück auf die Straßen.

Die Altstadt von Varna

Das Theater Varna Ein Plausch am späten Sonntag Vormittag Varnas Fußgängerzone Unser Hotel Splendid Das Zimmer: EinTraum aus Rosé

Wir beschließen, zunächst einen Abstecher zum Strand zu machen und dann nach dem großen, sozialistischen Denkmal zu suchen, von dem Tobi in einem Reiseblog über Varna gelesen hat. Wir wissen nicht, um was es sich genau handelt, nur dass es sich im Osten der Stadt befinden und äußerst sehenswert sein soll.

Der Tag ist vorangeschritten, die Sonne steht tiefer als am Vormittag und wirft bereits Schatten zwischen die Häuser. Der Nachmittag hat Wölkchen auf den Himmel getupft wie flockige Staubflusen. Wir nähern uns dem Stadtkern, die Menschenmenge um uns herum wird dichter und erst jetzt fällt uns die Masse an streuenden Katzen und Hunden auf, die zwischen unseren Beinen umherwuselt, die Katzen mit zartem Körperbau und scheuem Blick, die Hunde mit hängendem Kopf und dunklen Knopfaugen – die traurige Konsequenz von Landflucht und Industrialisierung, wie es auch Bulgarien die letzten 20 Jahre erlebt hat. Zwischen Tier und Mensch scheint sichein Verhältnis pragmatischer Ignoranz eingestellt zu haben.Mütter ziehen ihren Kindern die Hände weg, wenn sie die Hunde berühren wollen, die ihnen leise winselnd die feuchten Schnauzen entgegenstrecken, und eine alte Frau schlägt mit ihrer knisternden Tasche drohend nach einem Rüden, der ihr zu nahe kommt. Ohne uns zu verlaufen finden wir schließlich den Strand, der sich vor uns ausbreitet wie die verlaufene Farbpalette eines Malers, der gerade mit seinem Werk beginnen wollte: Helle, fleischfarbene Klekse treiben in Form menschlicher Körper im Kadmiumgrün des Wassers, das am Horizont eine klare, harte Linie zieht zum trüben Blau des Himmels, außerhalb des Strandes hat ein loses Pinselschütteln die fleischfarbenen Klekse wie willkürlich über den hellen Sand verteilt. Dazwischen sticht Sonnengelb und Babyblau von den Rückseiten der Sonnenschirme ins Auge. Jenseits des Meeres verschwimmen die Silhouetten von Windseglern und ankernden Containerschiffen im Luftflimmern. Die Luft ist kühl und salzig, jedoch nicht so frisch wie an anderen Küsten. Wir ziehen die Schuhe aus und schieben die Zehen ins Wasser, genießen das Gefühl und das Rauschen der Wellen eine Weile, schlendern schließlich am Strand entlang Richtung Osten. 

Die Strandpromenade wird flankiert von einerungewohnt anmutenden Ansammlung containerartiger, rostig angelaufener Sozialismusbauten, in denen enganeinander gequetschte Strandbars durch exotisch anmutende Ausstattungen wie Plastikpalmen und Strohsonnenschirme einander zu beweisen versuchen, wie hipp und unkonventionell sie sind. Dazwischen liegen touristische Fischrestaurants mit großen, einladenden Terrassen, aus deren Musikboxen in ohrenbetäubender Lautstärke kommerzielle Stücke der amerikanischen und europäischen Charts dröhnen. Abseits der gesäuberten Strandabschnitte, vorbei an einer klapprigen Schießbude im Hinterhof einer Stranddisco, finden wir im Schatten eines windgebeugten Bäumchens eine Bank und genießen eine Weile die Aussicht auf die See. Touristen in Badebekleidung schlendern an uns vorbei, neben Bulgarisch glauben wir hauptsächlich Russisch ausmachen zu können, daneben zwar vereinzelt, aber regelmäßig Englisch. Deutsch hören wir so gut wie keines, das nicht aus dem Mund eines Bulgaren kommen würde. Die Barmeile ist zu Ende, der Sand der kommenden Strandabschnitte weniger fein und sauber, die Strände überhäuft mit salzig, leicht fischig riechenden Algenhaufen, die von der Strömung angeschwemmt und von den Einheimischen geflissentlich ignoriert werden. Der Strand hat sich abgesenkt, links von uns erhebt sich bewaldeter Abhang, Müll liegt im Straßengraben. Rechts liegt der Strand auf Mannshöhe unter uns. Hier hat sich die Zeit in die Landschaft eingegraben, zerbröckelte Mauerreste ragen am Strand aus dem Boden, was sie ursprünglich darstellen sollten, ist mehr zu erkennen.

Eine verwinkelte, breite Treppenkonstruktion führt den Abhang hinauf, daneben fällt eine mehrstufige Betonschneise zum Strand ab, über die klares Wasser unter der Straße hindurch in den Sand gespült wird. Rostige Rohre verlaufen quer durch die Konstruktion. Das Wasser verströmt einen seltsamen Geruch, er ist schwach und kaum wahrnehmbar. Die fauligen Eier kann man nur ausmachen, wenn man das Gesicht über die Brüstung der Straße hält. Die Schneise für das Wasser ist unter der Straße betoniert und führt einige Meter in den Strand hinaus. Aus den zerbröckelten Mauerwänden ragen rostige Duschkonstruktionen, der Boden ist aufgebrochen und spitzkantig. Die Strandbesucher stören sich nicht daran. Ein betonierter, veralgter Pool direkt neben dem Meer wird mit Wasser aus einem der Rohre gespeist und ist bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft mit menschlichen Körpern jeden nur denkbaren Baujahres. Nachdem wir das ungewohnte Szenario eine Weile betrachtet haben, versuchen wir unser Glück und erreichen über die Treppenkonstruktion einen höher gelegenen Punkt Varnas.

 Heilwasserduschen am Strand

Die Touristen gesäumte Strandpromenade Das Schwarze Meer Großteils bestimmen Algen das Strandbild Eine gewagte Treppenkonstruktion Eine gewagte Treppenkonstruktion

Das Rauschen des Meeres bleibt unter uns zurück. Vor uns erstreckt sich ein weiter, flacher Park mit niedrigen Tannenalleen, trockenen Rasenflächen und dunkelroten Blumenbeeten entlang des Weges, auf dem sich jugendliche Jogger und Mütter mit Kinderwagen zum Sonntagspublikum vermischen. Wir laufen eine Weile in die Richtung, in der wir das Denkmal vermuten, wobei unser Wille, es zu finden, deutlich größer ist als die Idee davon, wo genau wir uns überhaupt befinden. Die Sonne steht tieft, die Luft flimmert über den Baumwipfeln und die Füße schmerzen. Wir passieren ein hellgetünchtes Memoriam, ein stolzer, steinerner Slave, der zum Gedenken an die in zwei Weltkriegen gefallenen Brüder mahnt, und geben schließlich auf. Vorbei an rechteckigen Wohnquadern tauchen wir ein in die verschlungenen Gassen Varnas uns suchen unseren Weg zurück in die Innenstadt. Die Luft riecht nach Abend als uns die Straßen schließlich wieder bekannt vorkommen. In einem mit jungen Bulgaren und russischen Touristen überfüllten Fastfood-Restaurant gibt Anna weniger mit Worten, dafür mit Händen und Füßen ihre Bestellung auf, während Tobi an der Straße eine Bank sucht, auf der wir schweigend unsere übersüßten Milchshakes trinken können.

Viele Alleen prägen das Stadtbild

Kriegerdenkmal Unzählige Katzen leben auf Varnas Straßen Auch in Bulgarien finden sich Filialen großer Fastfood-Ketten Fassade der Muttergottes-Kathedrale Viele ehemals Deutsche Stadtbusse bilden das Rückrat Varnas Verkehrsgesellschaft  

Wir erreichen unser Hotel erst, als es bereits zu dunkeln anfängt. Ein kühles Radler, eine bequeme Couch und matte Schläfrigkeit erwarten uns in unserem Traum aus Rosé. Wir verbummeln eine Stunde, sehen den goldenen Schatten zu, die durch das Fenster in das geräumige Zimmer fallen und länger werden, bis die Dunkelheit draußen das Licht verschluckt hat. Tobi bewaffnet sich frisch geladenen Akkus für seine Kamera, denn im dunklen Varna erwartet ihn mehr als nur ein gutes Nachtmotiv. Die Basilika hat sich ein goldenes Gewand angelegt und erstrahlt vor uns von allen Seiten angeleuchtet. Wir lassen uns durch das nächtliche Varna treiben und finden im Stadtzentrum ein Restaurant mit Terrasse und Ecktisch, unter dem eine hungrige Straßenkatze lauert. Nachdem sie uns lang genug mit einem Blick angestiert hat, der dem Gestiefelten Kater aus dem Film Shrek alle Ehre gemacht hätte, teilen wir unser Ćevapčići mit ihr und begießen den Abend mit zwei großen Gläsern Zagorka. Der Weg zurück führt durch ein Meer an Lichtern und bietet das ein oder andere nostalgische Fotomotiv. Es ist nach Mitternacht, als wir endlich ins Bett fallen.

Die Muttergottes-Kathedrale, vom Hotelzimmer aus gesehen

Deutsches Theater bei Nacht Viele westlcihe Marken strahlen leuchtend empor Die nächtliche Innenstadt Hungrige Blicke der Katzen gehören zum Alltag Schlemmen auf Bulgarisch mit Ćevapčići und Zagorka

 


Nächster Tag: Von Mönchsgamaschen, Müllkultur (die keine ist) und Boryanas Stadtanekdoten

Vorheriger Tag: Im Nachtzug an das Schwarze Meer Ι Von Mister Banana und verarmten Vaterländern


 

  

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