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Im Nachtzug an das Schwarze Meer I Von Mister Banana und verarmten Vaterländern


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 10.07.2014

BUDAPEST, UNGARN - RUMÄNIEN

Osteuropa 2013 - Samstag, 17. August 2013

Gegen halb acht klingelt der Wecker. Nach dem Packen checken wir zeitig aus, denn es heißt Vorräte einzukaufen. Die nächsten 22 Stunden werden wir im Nachtzug verbringen. Ein schneller Kaffee in der Lounge am Bahnhof, und schon stehen wir auf dem Bahnsteig. Es ist schade, Budapest bereits verlassen zu müssen, ein Tag reicht kaum aus, um mehr ansehen zu können als das Donauufer und das typische Touristenpanorama.

Der Nachtschnellzug Albena nach Varna steht bereit

Blick aus dem Hotelzimmer Eine der vielen Markthallen Blumendekoration im Bahnhof Keleti Auf geht's nach Bulgarien Ein kurzer Pfiff und die 22-stündige Bahnfahrt beginnt

Unser nächstes Etappenziel, das bulgarische Hafenstädtchen Varna, liegt knapp 1000 Kilometer östlich der Schienen entlang. Ein kurzer Pfiff, und schon setzt sich der Zug, der uns ans Schwarze Meer bringen wird, in Bewegung. Wir quetschen uns mit unseren Rucksäcken durch den schmalen Gang unseres Schlafwagens. Der Waggon ist alt, aber in gepflegten Zustand. Die Wände und Bettgestelle in unserem Abteil sind holzvertäfelt, vor dem Fenster hängen schwere, dunkelrote Stoffvorhänge mit dem Logo der ungarischen Bahngesellschaft MAV. Im ganzen Zug riecht es nach Poliermittel und schlecht gelüftetem Teppichboden. Während wir auf den Betten sitzen und uns mit der Umgebung akklimatisieren kommt zum ersten Mal richtiges Interrailfeeling auf.

Die Schlafwagenschaffnerin – klein, blond und energisch – nimmt uns die Tickets ab und trotz Stöckelschuhen und Knierock akrobatische Verrenkungen auf der Leiter in unserem Abteil vor, um das obere Bett umzuklappen. Beeindruckt von so viel Einsatz machen wir uns auf den Weg zum Speisewagen, in dem sich eine nette, leger gekleidete Frau als Kellnerin herausstellt. Die Verständigung auf Englisch scheitert kläglich, funktioniert auf Deutsch allerdings so hervorragend, dass wir uns bis zum Abend daran gewöhnt haben, im Ausland mit unserer Muttersprache am bequemsten voranzukommen.

Wir starten die Fahrt mit zwei Flaschen Kozel-Bier, aus der schnell mehr werden, und haken nach einem Teller mit eingelegten Paprika und Knoblauchsteak den Punkt Mittagessen ab. Eine Weile bleiben wir im Speisewagen sitzen, beobachten das vorbeiziehende Panorama vor dem Fenster und die Leute, die das Abteil durchqueren oder zum Essen bleiben. Vor allem die eingerahmten Photographien an den Wänden gefallen uns, auf denen furchtbar unecht grinsende Kellner der Bahngesellschaft in schlecht sitzenden Anzügen noch unechter grinsenden Gästen und ihren hübschen Kindern Essen auf großen Tellern reichen und verzweifelt versuchen, den Eindruck authentischer Freundlichkeit zu erwecken. Um uns herum vermischt sich Ungarisch mit Englisch und Russisch zu einem eigenwilligen multilingualen Soundtrack. Der Zugbegleiter erkundigt sich unaufgefordert, ob er ein Foto von uns schießen soll.

Unser Schlafwagenabteil

Der Zuglauf Ein letzter Blick auf Budapest Die Klimaanlage ;) Tschechisches Kozel-Bier Ein historischer Trabbi

Die Landschaft, die vor dem Fenster vorbeizieht, verändert sich eine Weile nicht. Weite Felder wechseln mit dichten Wäldern, dazwischen quetschen sich kleine Städte aus Häusern mit flachen Dächern und landwirtschaftlichen Gehöften. Auf den Feldern kommen große Industrietraktoren neben von Pferden und Ochsen gezogenen Pflugkarren zum Einsatz.

Gegen Mittag kehren wir in unser Abteil zurück. Tobi kommt auf dem Gang mit dem 65-jährigen Joszef ins Gespräch, ein kleiner, gedrungener Mann, dessen kahler Kopf genauso strahlend ist wie sein breites Zahnpastalächeln. Aus einem gemeinsamen Kaffee werden im Laufe des Tages mehrere Bier und eine komplette Lebensgeschichte. Joszef, der mit seiner Männertruppe für ein paar Tage in Bulgarien unterwegs ist,hat diese ruhige und zuvorkommende Art an sich, die einen Menschen auch über Generationsgrenzen hinweg schnell zugänglich macht. Er war früher selbst als Zugführer bei der MAV tätig – ein Kürzel für „Mein armes Vaterland“, wie er uns breit grinsend weis zu machen versucht – und lebt seit seiner Pensionierung in Österreich. Er hat einen Freund in Vaihingen an der Enz, Bilder von der Zugspitze auf seinem Handy und einen ungebremsten Redefluß, der in uns ein williges Opfer gefunden hat.

Kurz nachdem die Männergruppe sich in den Speisewagen verabschiedet hat stehen wir eine Weile an den geöffneten Fenstern im Gang und hängen unseren eigenen Gedanken nach. Ein langes, goldenes Band flachen Ackerlandes rauscht an uns vorbei, der Horizont wirkt nebelhaft. In der Ferne zeichnen sich die Umrisse einesdunkel angelaufenen Stadtpanoramas ab, wir fahren in Curtici ein. Ein archaischer Adler glänzt im goldenen Gewand vor blauem Hintergrund, droht uns mit Schwert und Streitkolben und bezeugt, dass wir uns von nun an in Rumänien befinden. Auf den verwachsenen Gleisen am Bahnsteig springt ein einzelner Hund umher, mager und aufgedreht, von den wenigen Menschen um ihn herum kaum beachtet.

Zollkontrolle am Grenzbahnhof

An der Grenze zu Rumänien Im Bahnhof von Curtici Stillgelegte Industrielandschaft Immer wieder verlassene Fabrikgelände An vielen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit

Nach der Zollabfertigung gesellt sich Joszef mit seinen Freunden wieder zu uns und verwickelt uns in nette, angenehme Gespräche. Ein Blick aus dem Fenster hin und wieder lohnt sich. Die Sonne steht tief, ihr Licht verschwimmt am flachen Horizont, die Luft wirkt leicht diesig. Wenn man den Kopf aus dem Fenster streckt, treibt einem der scharfe Fahrtwind Tränen in die Augen. Außerhalb des Zuges vermischen sich dichte Maisfelder, dunkelgrüne Tannenhaine und die roten Ziegel der schmalen Häuschen zu einem bunten Farbengemisch. Auf den Feldern scheinen Heudiemen aus dem Boden zu schießen, golden in der Sonne glitzernd wie überlebensgroße, kegelförmige Pilze. Zwischen ihnen stehen – gemächlich kauend – stämmige Ponys und lassen sich geduldig vor hölzerne Wagen spannen. Eine Zeitlang fahren wir neben einer staubigen Landstraße entlang. Unser touristischer Voyeurismus kann das erste Highlight verbuchen, als wir unter einem Baum direkt neben der Straße einen silbernen Zastava mit dazugehörigem Melonenverkäufer entdecken, Campingtisch und Sonnenbrand über der Männerbrust inklusive. Es wird der einzige Melonenverkäufer sein, den wir auf dieser Reise zu sehen bekommen. Tobi schafft es, ein Bild zu schießen, dann verliert sich das ländliche Panorama langsam und wechselt mit einer Wüste brachliegender Großindustrie. Alte Förderbänder, verrostete Pipelines und kaputte Flutlichtanlagen stechen aus dem Boden und erinnern irgendwie an die Überreste riesiger Urzeitungeheuer. Hin und wieder rennt ein streunender Hund neben dem Zug her, so lange laut kläffend, bis aus einem der Fenster etwas Essbares halbherzig auf die Straße geworfen wird. Ohne Stopp durchfahren wir mehrere Bahnhöfe. Dunkelhaarige Menschen mit sonnengebräunter Haut blicken uns von den Bahnsteigen hinterher, sie tragen Flipflops und lachen breit.

Ein Blick aus dem Zug auf das ländliche Rumänien

Brachliegende Großindustrie Ein von der Natur zurück erobertes Bahnhofsvorfeld Urban-ländliche Mischung einer am Fenster vorbeiziehenden Kleinstadt Heudiemen vor den Karpaten Die ersten Ausläufer der Karpaten

Wir verbummeln den Nachmittag zwischen Abteil und Gang mit Wein und frischer Melone. Joszef hat Bier und Redebedürfnis mitgebracht, nimmt uns abwechselnd in Beschlag und merkt auch nach dem dritten Mal nicht, dass er immer wieder die gleichen Geschichten erzählt. Nachdem wir uns wiederholt eine Lobrede auf die Planwirtschaft im Allgemeinen sowie im Spezifischen angehört haben, die zunehmend mit weniger Worten, dafür mit umso mehr Enthusiasmus auskommt, flüchten wir zum Abendessen in den Speisewagen. Wir bestellen eingelegte Paprika und – weil man davon einfach nicht genug bekommen kann – Knoblauchschnitzel.

Joszef und Anna blicken gebannt aus dem Fenster

Melonenverkäufer am Straßenrand Melonenverkäufer am Straßenrand Ein kleines Dorf Parallell zur Eisenbahn verläuft die holprige Straße Gambrinus Bier aus dem benachbarten Tschechischen Schlafwagen

Wir sind die einzigen Gäste. Wir warten auf das Essen, als sich plötzlich, scheinbar aus dem nichts, eine Banane in Lebensgröße neben unseren Tisch stellt. Sie ist zweifelsfrei männlich, stellt sich uns als „Mister Banana“ vor und erzählt, sie stamme aus Spanien. Da der Rucksack seit unbestimmter Zeit geklaut sei, versuche Mister Banana sich mittellos bis nach Bukarest zu Freunden durchzuschlagen. Die Frage, warum er dazu in einem Bananenkostüm steckt und ob seine Freunde auch in Obstformat durch die Gegend laufen, bleibt offen. Die Kellnerin ist von seinem Anblick so perplex als sie aus der Küche kommt, dass wir ihr die Teller vorsichtshalber aus der Hand nehmen. Sie bleibt seinen Bettelversuchen gegenüber konsequent, selbst als er sich lasziv auf unserem Nachbartisch rekelt und ein dunkelbraunes Bein durch einen Bananenschlitz durchblitzen lässt. Recht schnell zieht er von dannen.

Nachdem wir gegessen und das Bananenerlebnis mit Hilfe eines Bieres verdaut haben, überkommt uns eine faule Schläfrigkeit. Wir blicken eine Weile aus dem Fenster, beobachten den roten Sonnenuntergang und wie das letzte Licht des Tages über die ersten Ausläufer der Karpaten scheint. Gegen halb elf machen wir uns auf den Weg in unser Abteil. Auf den Gängen des Zuges ist Ruhe eingekehrt, die Türe zu Joszefs Abteil bereits geschlossen. Wir lassen uns, eingelullt in die stehende Sommerwärme im Abteil, in die Betten fallen. Die letzten Blicke, bevor wir die Augen schließen, fallen aus dem Fenster. Eine sternklare Nacht. Ein silberner Mond schickt gespenstischesLicht über die lichtlosen Hänge der Karpaten.

Viele kleine Bahnhöfe liegen auf dem Weg

 Kurzer Zwischenhalt in Devia Joszef aus Ungarn, unsere erste Reisebekanntschaft  Die Bahnhofsvorsteherin von Devia Burg im Sonnenuntergang Die Nacht bricht ein, ein laues Lüftchen weht über den Gang

 


Nächster Tag: Ankunft in Varna Ι Unterwegs in der Stadt der nostalgischen Fotomotive

Vorheriger Tag: In Budapest Ι Donauromantik in der Brückenstadt  


 

 


  DKB kl  

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