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Die Gesichter Havannas   Ι  Von den Farben einer Stadt


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 16.04.2016

HAVANNA, KUBA 

Kuba 2015 Staub frisst sich in die Atemwege, der Wind, der ihn aus den Straßen hätte tragen können, schafft es vom Meer nicht zwischen den eng stehenden Häusern hindurch. Feuchtigkeit saugt sich an der Haut fest. Am Abend zuvor hat es geregnet, jetzt stößt sich die schwüle Hitze vom Boden ab und kriecht unter die Kleidung. Ich muss mir den Schweiß aus den Augen wischen, um den Kopf in den Nacken legen zu können, den Blick gerichtet in Richtung des blassblauen Himmels über den Dächern der Gebäudeschluchten, zwischen denen schwarze Spinnennetze aus Stromleitungen und Wäscheleinen gespannt sind. Da oben zieht der Wind mit einer Ahnung frischer Luft vom Meer dahin, nach der ich mich nach fast einer Woche in Havanna so sehne.

Hier unten, zwischen den Häusern in der Gasse unweit, doch abseits der Touristen-Hotspots in Habana Vieja, steht alles. Zumindest wir Touristen. Denn die Einheimischen, erprobt im Wechsel zwischen tropischen Mikrowellen-Wetter, peitschendem Hurrikane-Regen und einer Sonne, die einen europäischen Oberarm innerhalb einer Stunde Medium Rare brutzeln kann, interessiert weder die Hitze noch die Schwüle. Wir Touristen als potentielle Anlaufstelle zum Geschäfte-Machen im Übrigen genauso wenig, was wir als weniger überraschend als angenehm empfinden. Schmelzen tun wir sowieso grade, warum also nicht auch mit der Szenerie des kubanischen Alltags auf Havannas Straßen verschmelzen?

Dieser Alltag besteht aus Menschen, die sich aus den Schatten der dunklen Hauseingänge schälen, und Hunden mit angelaufenem Fell, die hechelnd in Mitte der Straße liegen oder in den Straßenrinnen schaben, in denen sich Müll, Dreck und schillernde Pfützen aus Benzin sammeln. Und er besteht aus Gerüchen, hundertfach auf die Straße getragen aus den Küchen der Stadt, von den in der Hitze vor sich hingärenden Abfällen in den überfüllten Müllcontainern, von den Obst- und Gemüseständen an den Straßenecken. Die Luft erzählt von den Menschen der Alt-Stadt, vom Öl-verseuchten Hafenbecken entlang der Avenida del Puerto bis zur Weite der Floridastraße unweit des Malecóns, wo sich die frische Seeluft gegen die Abgase stemmt, die über der Autopista hängen. Hier lässt die Stadt die Klischees beiseite und lässt dem Alltag seinen Lauf.

Ich lehne mich gegen eine Hauswand, die staubige Straßenecke im Rücken, um alles im Blick behalten zu können, die Straße vor mir eine Collage aus bunten Polaroids. Jede Bewegung der Menschen, jedes Kopfnicken, jedes über die Schulter geworfene Lachen ist ein Fenster in fremde Lebenswelten. Zwischen den Häusern hängt ein Kosmos aus Alltäglichkeiten, aus Geschichten, die nach Benzin, Staub und Citrusfrüchten duften.


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Es ist Sonntag, vor den Häusern rotten sich die Kinder zusammen, um in kleinen Gruppen mit Springseilen zu üben, um zu Kicken oder einfach auch nur um sich zusammen zu rotten und sich unter den theatralischsten Gesten, die vermutlich nur Menschen mit lateinamerikanischen Blut erlernen können, köstlich über irgendetwas - oder jemanden - zu amüsieren, ohne dass der Grund der Belustigung nach außen ersichtlich wäre. Die alten Männer, die in den Nischen vor ihren Wohnungen sitzen und sich mit zusammengerollten Zeitungen oder Papieren Luft zufächern, stört das Kindergeschrei in ihrer Stoik wenig. Als hätten sie dem Leben nichts mehr zu beweisen, lassen sie das Straßentreiben in entspannter Haltung an sich vorbei ziehen, hin und wieder in ein leises Gespräch untereinander vertieft oder seltener in ein paar Partie Schach oder Backgammon. Nur wenn eine kurze Shorts vorbei wackelt, deren Stoff den Hintern der Besitzerin manchmal in so unmögliche Positionen drückt, dass wir uns sicher sind, dass die Kleidung irgendwie die physikalischen Gesetze aushebeln kann, drücken sich ein paar Männerrücken für einen kurzen Moment durch und wenden sich Köpfe die Straße hinunter.

Der Postboote, der sein drahtiges Rad wie ein kleines Boot durch die wogende Straße schiebt, zeigt sich weniger leidenschaftlich - Wer nicht augenblicklich auf sein kurzes Bellen reagiert und aus seiner Wohnung tritt muss damit rechnen, dass seine Post wieder im Fahrradkorb bei den anderen knittrigen Briefen landet und in stoischer Ruhe ein paar Meter weitergeschoben wird. Am Ende der Straße legt er einen Umschlag in einen kleinen Korb, der an einem Seilzug befestigt ist. Über ihm funkelt Bernstein zwischen den Gitterstäben der Balkone, auf denen langgestreckte Katzen die Köpfe über die Straße schieben, genauso so wie eisklares Blau in erstaunlich vielen Hauseingängen, in denen Huskys mit scharfem Blick die Straße im Auge behalten.

Wir kaufen uns mit ein paar Tüten Gummibärchen aus unserem Vorrat, der sich gefährlich dem Ende entgegen neigt, aus einer Traube aus aufgeregten Kindern frei, die uns die Hände in das Gesicht halten und nach "Caramello, Caramello!" verlangen, und wechseln in den nächsten Straßenzug. Ein blauer Laster schiebt sich durch die Körper und platziert bei jedem Aufheulen des Motors eine stinkende, gräuliche Wolke hinter sich. Hin und wieder ist ein alter Chevrolet an den Straßenrand gekehrt, zeigt mit weit aufgerissenem Motorraum sein Innerstes, während ein oder zwei Blaumänner tief vornüber gebeugt schrauben und hämmern und mit jedem erdenklichen Maß an Kreativität und geringen Mitteln dafür sorgen, dass der Wagen, der in anderen Teilen der Welt längst in ein Museum verfrachtet worden wäre, fahrtüchtig bleibt. Doch nicht nur die Autos, auch die Fahrradtaxen, die sich und ihre Gäste um Menschen, Münztelefone, Obststände mit Bananen und Papayas und meterhohe Türme aus Gemüse- und Werkzeugkisten herum manövrieren, wirken teilweise weniger zusammengeschraubt als zusammengeklebt.

La Habana Vieja

Centro Habana Am Malecón, Havanna Centro Habana

In Belén, Havanna

In Belén, Havanna

Am Malecón, Havanna Fidel Castro ist überall präsent Am Hospital Hermanos Ameijeiras, Havanna

Centro Habana

Centro Habana

In San Miguel del Padrón, Havanna

Centro Habana Centro Habana Centro Habana

La Habana Vieja

La Habana Vieja

 Los Sitios, Havanna La Habana Vieja Am Malecón, Havanna

Am Malecón, Havanna

Über den Farben der Häuser liegt ein milchiger Schleier, Hitze und Salz haben in den Jahrzehnten ihre Intensivität von den Mauern geleckt. Wo man die Gelegenheit hat, in einem offenen Hauseingang Mäuschen zu spielen, findet man Buntglas über den Türrahmen und Schnitzereien in den hölzernen Türflügeln. Wo ein Haus abgerissen wurde, färbt der umherliegende Bauschutt das Straßenbild ein. Minz, Türkis, Hellblau, Rostrot, Grasgrün und Pfirsichrosa blättert von den baufälligen Fassaden, die sich in so unzählige Epochenstile kleiden, dass es einem zeitweise vorkommt, als spaziere man durch eine Kurzfassung europäischer Architekturgeschichte.

Doch auch auf den Gesichtern Havannas hat sich Kubas komplexe Geschichte eingeschrieben; wer den Menschen hier ins Gesicht blickt, findet alles an Ethnie, was man zweihundert Jahre nach Sklaverei, französischem und spanischem Imperialismus und Zuwanderung aus Mittelamerika und Asien finden kann. Die Menschen sind groß und drahtig oder klein und gedrungen und haben Hände, die dazu gemacht zu sein scheinen, ohne Unterbrechung über die Straßenseite oder in eines der Fenster zu einem Bekannten gewunken zu werden. Manche winken uns, einige versuchen mit uns ins Gespräch zu kommen, was an unseren kläglichen Spanisch-Kenntnissen scheitert. Wer als Tourist den offensichtlichen Schleppern, meist junge, drahtige Männer, den Wind aus den Segeln nehmen will, der grinst sie breit an, bevor sie ihr obligatorisches "Where you from?" vortragen können.

Wenige Schritte weiter öffnet sich die Gasse zu einer befahrenen Straße. Noch mehr Staub, der Geruch von Großstadt in der Luft.Neben uns benutzen ein paar ältere Damen ihren Sonnenschirm als Gehhilfe, um die Straßenseite zu wechseln und die Auslagen der Obst- und Gemüsehändler unter den staubigen Baldachinen aus zusammen geschnittenen Planen zu beäugen. Ein schwarzer Kleintransporter, auf der Ladeklappe einen überdimensionalen Playboy-Hasen, quietscht seine Bremsen zugrunde, um sie über die Straße zu lassen. Hinter ihm schaukelt ein wackliger Wagen Mittig der Straße heran. Die Frau auf dem Beifahrersitz gibt dem Fahrer ungeduldige Handzeichen, die Fahrt zu verlangsamen, den Kopf bereits aus dem offenen Fenster in Richtung der Händler gestreckt. Erst wechselt ein wenig Spanisch die Straßenseite, dann eine Tüte mit Bananen, die der junge Händler direkt in den Wagen reicht, der genau in der Mitte der Straße zum Stehen gekommen ist, während sich der lärmende Verkehr in völligem Desinteresse um das Auto herum schlängelt.

Selbst die Neuwagen, die an uns vorbeiziehen, leuchten in knalligen Farben aus Rot, Blau, Lila und Pink. So wie ihre Insassen in ihren knalligen Sommerkleidern und Che Guevara-Shirts. Havanna ist bunt. Havanna brodelt. Vor Leben, vor Emotionen, vor Authentizität. Wir brodeln jetzt auch, aber nicht von der Hitze. Und hoffen, dass ein bisschen von der Farbe der Menschen Havannas an uns haften geblieben ist.

Casablanca, Havanna

Belén, Havanna Prado, Havanna Am Malecón, Havanna

El Carmelo, Havanna

La Habana Vieja

La Habana Vieja Am Malecón, Havanna Belén, Havanna

La Habana Vieja

La Habana Vieja

Am Malecón, Havanna Centro Habana Casablanca, Havanna

Belén, Havanna

Belén, Havanna

 

Unser Anreisetipp:

Wir sind mit Condor in etwas mehr als zehn Stunden bis Havanna geflogen. Hin- & Rückflug gibt es ab 598 Euro in der Economy und für alle die es etwas luxuriöser mögen ab 1.498 Euro in der Business Class.

 


Bei unserer Anreise nach Kuba wurden wir von Condor unterstützt. Unsere Meinungen und Einschätzungen bleiben davon natürlich unberührt und entsprechen dem Blogger-Kodex.

 

 

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