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Den Orient atmen in Marrakesch  I  Unser Eindruck aus der Stadt der Details


Verfasst und erlebt von: Anna & Tobias Letzte Aktualisierung am 08.07.2016

MARRAKESCH, MAROKKO

Marokko 2015 - Jeder Schritt in Marrakesch war ein Schritt weg von der Nüchternheit, mit der wir vor Beginn unserer Reise den Geschichten von Orientexotik, von 1001 Nacht und den Träumen nach Wüstenpalästen und sandigen Vollmondnächten begegnet sind. Marrakesch angemessen zu beschreiben fällt uns nicht leicht. Die Stadt lässt sich nur schwer mit Worten einfangen.

In Marrakesch Straßen komprimiert sich sämtliche Orientromantik, die man in Marokko erwarten würde. Licht und Farben, ein ständiger Wechsel zwischen Enge und Weite in den Hauptstraßen und Seitengassen. Bunte Souks, überladende Auslagen auf den Ständen der Händler und tausendfache Geruchswelten. Schönheiten hinter bunten Stoffen und arabische Männer in erdfarbenen Berber-Gewändern. Und doch haftet der Stadt auch eine nüchterne Seite an, festgehalten in der Routine und dem Alltag der Einheimischen, zwischen denen Touristen einen festen, irritationslosen Platz im Stadtbild haben. Marrakesch hat seinen eigenen Sog, der aus jeder Hektik den Stress fort wäscht, egal wie überfüllt und geschäftig eine Straße oder ein Platz sind. Entschleunigung und Reizüberflutung gleichermaßen.

Die Stadt hat Weltgeltung, und dessen ist sie sich auch bewusst. Trotzdem wirkt der überwiegende Teil des Stadtbildes historisch, futuristische Glas- und Stahlmonster finden sich nirgends. Vielmehr noch - abseits der großen Hauptstraßen wirken die Straßen, als gebe es auf wenigen Metern mehr als nur eine Stadt. Manche Gassen sind so überbaut, dass kein Tageslicht hindurch kommt oder nur durch schmale Schächte fällt. In anderen Gassen ist es kaum möglich, schulterbreit über die Straße zu laufen, so eng und hoch stehen die Mauern beieinander. Hier graben sich manchmal Pflanzen mit dünnen Wurzeln in den roten Sandstein, Rankengewächse fließen die Wände hinab.

Dies sind die stillen Ecken der Stadt. Die Menschen sammeln sich anderorts, in den wusligen Souks, auf dem Jeema el Fna, an dem kein Tourist vorbei zu kommen scheint, oder in der Altstadt. Auch hier wieder - Licht und Schatten, Farben und ein Meer aus Gerüchen. Die Altstadt scheint streckenweise nur aus Basar, Obstkisten und Motorrädern zu bestehen. Geschäfte und Stände drängen sich eng an die Hauswände, Touristen um die Stände, Straßenhändler und Anbieter mehr oder weniger seriöser Dienstleistungen um die Touristen. Jede Ecke ist eine kleine Bühne für sich, irgendwo im Blickfeld passiert immer irgendetwas. Dabei ist Handel das zentrale Motiv der Geschichten, die Marrakeschs Straßen dem Beobachter erzählen. Die ganze Farb- und Geruchspalette an Tee und Gewürzen, vor allem Curry, Kreuzkümmel und Koriander, Oliven, frische Minze und Fleischwaren - Alles findet sich hier. Zwischen den Ständen werden von Motorrädern herunter Apfelsinen, Eier und Zwiebeln verkauft. Das Licht bricht sich in schillernden Farben an den Kunst- und Handwerksprodukten auf den Auslagen in und vor den Läden: Teekannen und -Services, kupferne Armreife, Buntglaslampen und beschlagene Tabletts. Waren mit weniger Glamour findet sich in den schmaleren Seitengassen, die als Abschlagplatz für Werkzeuge, Gaskartuschen, Farbdosen und kleine Elektrogeräte dienen. Pferdekutschen transportieren Touristen durch die Stadt, Maultierkarren neue Waren. Keine Gasse, durch die wir eben noch hintereinander durchlaufen mussten, wäre nicht breit genug, um diese durchzulassen. Dabei ist es egal, ob sich auf der Transportfläche Bauschutt, frisches Gemüse oder ein Berg an verpackungsneuen Flatscreens befindet. Wer bunten Nippes sucht, findet ihn neben den obligatorischen Gewürzen und Teekannen in passender Handgepäcksgröße in den touristenkompatiblen Läden an den Hauptstraßen der Altstadt. Der wird allerdings mit solcher Inbrunst von den Verkäufern angepriesen wird, dass einem nach kurzer Zeit selbst Kühlschrank-Magnete so magisch erscheinen wie Aladins Wunderlampe (sollte sich Aladin jemals soweit in den Westen verirrt haben).

Auf dem Heimweg von der Schule

Baustellenverkehr auf marokkanisch Unser Stadtführer Dr. Hakim In der Medina

In der Medina Kontrastreich: Moderne Flachbildfernseher und Eselkarren in der Medina Der Eierverkäufer in der Medina

Verkäufer in der Medina

Täglich frisch und ohne Kühlung: Metzgermeister in der Medina Nachschub für das Nationalgetränk: Frische Minze in der Medina Auf dem Weg zu nächsten Baustelle

Im Gerberviertel

Stadttor im Gerberviertel Im Gerberviertel Im Gerberviertel

Im Gerberviertel Im Gerberviertel Im Gerberviertel

Marrakesch: Stadt aus Details

Über all dem liegt dieser Reiz, der sich aus der Mischung aus überflutenden Reizen und totaler Entschleunigung ergibt. Trotz seiner Hektik bietet Marrakesch mehr als eine Gelegenheit, für einen Minztee innezuhalten und das Treiben in Ruhe zu beobachten. Marrakesch Stadtbild besteht aus Details - ein buntes Licht vom Stand eines Straßenverkäufers, eine kleine Wandverzierung aus Mosaik in einer Nebengasse, eine filigrane Stuckverzierung im Deckenmuster, eine Schnitzerei im dunklen Holz der Türen in unserem Hostel. Störche auf den flachen Häuserdächern, die wegen des nebligen Wetters in ihren Nestern bleiben und sich nicht auf den Weg ins Atlasgebirge machen. Menschen passen sich in die verwinkelten Straßenzüge ein wie Motive eines Gemäldes. Touristen und Einheimische haben ihren festen Platz in diesem Schauspiel und funktionieren mal miteinander, mal nebeneinander.

Jede Gasse hat ihren eigenen Geruch, ihren eigenen Geschmack. Die Straße schmeckt nach Geschäftstüchtigkeit, nach frisch gebratenem Fleisch und verbranntem Diesel. Es ist erst Anfang März, die Temperaturen vergleichsweise mild, und doch reicht die angestaute Wärme, um sich den penetranten Geruch vorzustellen, der im Sommer die Straßen erfüllen muss. Den Geruch nach Kühle und Ruhe findet man in den märchenhaften Riads, deren Innenhöfe sich als kleine, häufig grüne Oase aus maurischem Mosaik und warmen Farben gegen den Sog der Straße abheben. Wir haben zwei Nächte im Riad Ar Arby verbracht, das sich nur wenige Gehminuten vom Jeema el Fna befindet und das wir aufgrund der wunderschönen Aufmachung und des unglaublich freundlichen Personals guten Gewissens jedem Besucher empfehlen können.

Luft findet sich auch oberhalb der Dächer, auf den Terrassen der Riads oder in einem der Terrassen-Cafés in der Innenstadt. Die Seele der Stadt steigt über ihre Dächer, vor allem in den Abendstunden. Hier findet das Auge einen weiten, charismatischen Anblick über das Dächermeer, eine Welt voller sandsteinroter und cremegelber Farbnuancen, bevölkert von einem Heer aus Satellitenschüsseln, Wäscheleinen und den Schattenspielen, die das afrikanische Abendlicht auf die Hauswände zaubert. Im Hintergrund wacht still und massiv das Atlasgebirge, im diesigen Märzlicht so blass in der Silhouette, als würden wir durch eine Milchglasscheibe gucken.

Teewaren aus dem Handwerkerviertel

Eine Straßenküche in der Medina Frisch vom Grill Kunst in der Medina

Licht und Schatten in der Medina Im Handwerkerviertel Im Handwerkerviertel

Olivenmarkt

Hat immer das passende Heilmittel zur Hand: Berber-Apotheker in der Medina In den Souks In den Souks

Zwiebelverkäufer  Thé à la Menthe In der Medina

Über den Dächern

Palais El Badiî Koutoubia-Moschee Stadttor Bab Agnaou

Ein gewohnter Anblick: Altes Mercedes Taxi und die Koutoubia-Moschee

 "Excusez-moi, Photo, Photo?" - Vom Umgang mit Schleppern und Fotomotiven

Zwei Tage lang schweben wir durch Marrakeschs Straßen. Und vielleicht liegt es daran, dass wir am ersten Tag gleich von einem Einheimischen begleitet werden (der Bericht über unsere Stadttour mit unserem Stadtführer Dr. Hakkim folgt in Kürze), weil wir nicht in der Hauptsaison unterwegs sind oder weil wir einfach einen guten Start haben - Kein Klischee über penetrante oder stark aufdringliche Schlepper bestätigt sich. Ein freundliches, bestimmtes "No, Merci" wird in der Regel ohne Umschweife akzeptiert.

Natürlich gibt es Schlepper. Und natürlich kommt in Marrakesch kein Tourist (vor allem westliche) darum herum, als offene Geldbörse betrachtet zu werden. Wer nicht aufpasst oder zu vertrauensselig ist, macht sich in einer Großstadt leicht zum Opfer weniger empathischer Zeitgenossen. Auch in Marrakesch gibt es Orte, die man Nachts meiden sollte und in dem sich die zahnlosen Gestalten im besten Fall nur nicht entscheiden können, ob sie einem "Hasch" oder aber "Taxi" anbieten wollen. Aber sollte man seine intuitive Abneigung gegen die Penetranz der Schlepper ins Verhältnis zur Armut und zu den schlechten Verdienstmöglichkeiten setzen, mit denen ein Großteil der Marokkaner konfrontiert ist. Marokko ist ein junges Volk, das Durchschnittsalter pendelt um die Mitte zwanzig. Gleichzeitig herrscht eine sehr hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten und fast die Hälfte der Bevölkerung sind immer noch Analphabeten. Die Lebensrealität der Marokkaner sieht vor allem für die unteren Bevölkerungsschichten vor, Geld dort und dann zu machen, wann immer es sich ergibt. Und da der Tourismus einer der größten Einnahmequellen des Landes ist, kommt vor allem im bunten Marrakesch kein Tourist an Begegnungen mit Schleppern vorbei.

Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Nein nicht akzeptiert wird. Der Schlüssel zu einer tieferen Verbindung mit den Einheimischen in Marrakesch ist unserer Erfahrung nach offen gezeigter Respekt dem Einzelnen gegenüber. Auf ein abwehrendes, als Überheblichkeit interpretiertes Verhalten - dem Gegenüber nicht in die Augen schauen, ein automatisches Wegdrehen und eine ausbleibende Gegenreaktion, wenn man angesprochen wird - reagieren die meisten Bewohner der Stadt (und wahrscheinlich generell die Marokkaner) konsterniert; bei solchen Begegnungen wird schnell eine klare Linie gezogen zwischen dem "Ihr" und "Wir". Lässt man die Leute aber spüren, dass man ihr Angebot zwar nicht annimmt, ihnen jedoch auf Augenhöhe begegnen möchte, dann eröffnen sich manchmal wunderbare Möglichkeiten zu offenen Begegnungen, auch wenn für das Gegenüber kein Geschäft dabei herausspringt. Wer die Möglichkeit zu einer Plauderei oder einer Essenseinladung pauschal ausschlägt, nur aus Angst, dass ihm etwas verkauft werden soll, verpasst vielleicht einen elementaren Teil marokkanischer Gastfreundschaft und Lebenskultur.

Umsichtigkeit ist auch beim Filmen oder Fotografieren geboten. Marrakesch bietet wundervolle, detailreiche Motive, doch kein Einheimischer bekommt gerne wortlos die Kamera ins Gesicht gehalten - Wo ist das schon so? In Marrakesch ist es üblich, den Fotografierten - zumindest denen, die man direkt im Fokus hatte - ein paar Münzen da zulassen, egal in welchem Teil der Stadt man sich befindet. Für manche Bewohner - vor allem ältere - ist dies die einzige Einnahmequelle. So wie der runzlige Zeitungsverkäufer auf unserem Bild, der in seinem windschiefen Hüttchen sitzt, mit Auslagen, die älter sind als wir selbst, und nur vom Trinkgeld der Touristen lebt, die von ihm ein Bild schießen.

Natürlich wittert auch hier die ein oder andere windschiefe Gestalt die Möglichkeit für ein schnelles Geschäftchen. Mehr als einmal bekommt Tobi von einem Unbeteiligten eine flache Hand unter die Nase gehalten, noch bevor er den Auslöser gedrückt hat. Vor allem auf dem Jeema el Fna können die Schlepper nahezu aggressiv werden, wenn sie glauben, als Fotomotiv verewigt worden zu sein - oder es glauben wollen. In dem Fall verhält es sich wie im Umgang mit penetranten Angeboten: An einem bis zwei deutlichen Neins prallt unserer Erfahrung nach alle Aufdringlichkeit ab.

Seit Jahrzehnten sammelt er Zeitschriften aus aller Welt

Frisch vom Backofen Ein Handschlag In der Medina

Ein öffentlicher Backofen

Störche über Marrakesch

Arbeiten am Haus im letzten Abendlicht

Marrakeschs nächtliche Magie

Es gibt einen Grund, weshalb es 1001 Nacht heißt. Und nicht Tag. Nachts, wenn die Dunkelheit der Stadt die Weitläufigkeit nimmt und die Menschen enger zusammen rücken, kann man die Stadt so intensiv und üppig schmecken wie zu keiner anderen Tageszeit. Der Jeema el Fna, auf dem wir zugegebenermaßen nur wenig Zeit verbracht haben, findet sich nach Einbruch der Dunkelheit ein verzweigtes Labyrinth aus Essensständen und offenen Küchen. Duftschwaden wehen über den Platz, umhüllen die Besucher und lenken ihre Aufmerksamkeit fort von den Schaustellern, die mit ihrer Kunst auch Nachts den Platz in eine offene Bühne verwandeln. Feuerspucker betanzen, was Geschichtenerzähler mit weiten Gesten und donnernden Stimmen an ihre Zuhörer weitergeben, Schlangenbeschwörer bringen die Zuschauer zum Staunen, Affendresseure zum Lachen. Inszenierung vermischt sich mit Narration, beides verwoben von religiösen und magischen Motiven, gekleidet im kulturellen Gewand afrikanischer und arabischer Identität. So touristisch der Platz auch sein mag, halten sich hier Jahrhunderte alte Traditionen am Leben. Momente von den Einheimischen für die Einheimischen, an denen Touristen das Glück haben, teilnehmen zu können. Auch ohne Arabisch oder Französisch malen die leidenschaftlichen Worte der Geschichtenerzähler uns Bilder vor das innere Auge, tragen uns die Klänge der einheimischen Musiker, die in ihren langen Gewändern im Kreis auf dem Boden sitzen, fort an Orte, die lange vor uns existieren. Auf dem nächtlichen Jeema el Fna konnten wir uns der Romantik Marrakeschs hingeben. Und uns wieder ein bisschen mehr in die Stadt und seine Bewohner verlieben.

Koutoubia-Moschee Nächtliche Souks Koutoubia-Moschee

Koutoubia-Moschee

Djemaa el Fna Djemaa el Fna Am Rand der Medina

Djemaa el Fna

 


Voriger Teil: In achttausend Metern Höhe I Durch das Wolken-Wunder Richtung Afrika

Nächster Teil: folgt


 

// Unsere Videos zur Marokko-Reise 2015 //

 

 


 

Unser Anreisetipp:

Von Deutschland aus erreicht man Marrakesch auf der Schiene in einem Mehrtagestrip mit Umstieg in Paris und Madrid, sowie einer Fährüberfahrt bis Tangier und einer Nachtzugfahrt von dort bis Marrakesch. 

Eine schnellere, wenn auch etwas weniger komfortablere, dafür aber deutlich günstigere Alternative sind die einschlägigen Billigflieger.

Mehr Infos zum günstigen Bahnfahren findet Ihr unter bahn.weltenfinder.de

 

Unsere Linktipps:

Unser Stadtführer mit viel Herz, spannenden Anekdoten und Kulturverstand: Dr. Hakim Lgssiar

Unser Riad Dar Aby auf www.booking.com 

 

 

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